Berlin : Pfingsten in Berlin: Die Welt tanzte auf den Straßen Kreuzbergs

Tobias Arbinger

Der General nimmt einen tiefen Zug aus der Wasserflasche. Unter seinem Dreispitz läuft Schweiß hervor. Bereits vier Stunden haben die Guggemusiker der Schweizer Band "Quastenflosser" gespielt. Kapellmeister Lützow, gekleidet wie ein venezianischer Adliger, gibt das Zeichen für das nächste Set: "Eins, zwei, drei." Perkussionisten mit roten und pinkfarbenen Perrücken setzen ein, dann ein Basstrommler, Trompeter und Saxophonisten: Sie intonieren "Nightboat to Kairo", ein Skastück. Das Publikum auf der Gneisenaustraße applaudiert, jauchzt, lässt die Band hoch leben. Es ist Nachmittag, Halbzeit und Höhepunkt des Umzugs: An der Hasenheide und auf der Gneisenaustraße feiern Tausende die 120 Musikgruppen und Wagen aus 70 Nationen.

Immer mehr Zuschauer tanzen zu einer ohrenbetäubenden Melange aus Musikstilen auf dem Asphalt. Eine halbe Million Menschen ist an diesem Sonntag in Kreuzberg zum Karneval der Kulturen auf den Beinen. Gegen 13 Uhr waren die ersten bunt ausstaffierten Wagen in der Urbanstraße losgerollt. Vorneweg laufen Dutzende von weiß-gold gekleideten Trommlern und Tänzern der Gruppe Afoxé Loni. Sie stimmen einen Singsang an, der seine Wurzeln im brasilianischen Candomblé-Kult hat. Eine Karawane aus geschmückten Lkw, klapprigen Transportern und fantasievollen Eigenkonstruktionen kriecht durch das Spalier der Schaulustigen. Fast jeder Wagen ist mit wummernden Boxen beladen, auf den meisten wird getanzt. Kaum eine Kneipe an der Umzugsstrecke hat keinen Verkaufsstand aufgebaut. Lottogeschäfte und Videotheken sind zu Getränkedepots geworden. Bier wird in einer Schubkarre voller Eis gekühlt, Cuba Libre gibt es aus einem Einkaufswagen. Hie und da riecht es nach Bratwurst oder nach Marihuana.

Vor allem Latino-Wagen ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Professionell mit Accessoires aus Brasilien ausgerüstet ist die Frankfurter Maracatu-Gruppe "Guarani". Einen ganzen Hofstaat verkörpert sie: Ein Königspaar in Barockgewändern, Prinzessinnen in Reifröcken, tanzende Sklaven, feine Damen und Schirmträger. Kaum weniger bunt sind die Tänzer der Berliner Sambaschule "Amasonia". Ein jeder trägt eine Krone aus blauen, giftgrünen oder purpurnen Federboas. Ihre Kostüme sind mit riesigen Seesternen, Muscheln und Schildkröten verziert. Lachende Totenköpfe, eine Braut, Tiger- und Jaguarmasken sind bei La Calaca zu sehen. Männer sind hier Frauen, der Satan ist ein Schelm. Mexikanischen Mariachi-Musiker begleiten den diabolischen Trupp.

Andere Gruppen schlagen leisere Töne an. Auf einem Tieflader drehen sich Tangopaare zu melancholischer Bass-, Geigen -und Gitarrenmusik. Eine deutsch-koreanische Gruppe zieht an langen Stangen quallenartige Seidenwindfiguren durch die Luft. Die indonesische Gemeinde folgt mit Tänzerinnen in Kostümen aus Bali, Borneo und Sumatra. Strassbehangene Bauchtänzerinnen, Männer mit Turban oder Fes scheinen Tausendundeiner Nacht entsprungen. Jugendliche des Neuköllner Projekts Fusion schieben meterhohe Glasfaserfiguren vor sich her, die sie in den vergangenen acht Monaten gebaut haben: darunter eine Domina mit Hundekopf und eine überdimensionale Mücke. Die Jungen tragen Tiermasken, einer die Maske eines Pitbulls. Clowns aus dem Krankenhaus necken Passanten mit einer Gummispinne, die an einer Angelrute baumelt.

Vor einem Döner-Laden lassen sich Zuschauer mit einem Schlauch nass spritzen. Kinder planschen an einer Straßenpumpe. Die Himmel über Kreuzberg ist gischtfarben vor Wolken, auf einmal ziehen sie wieder auseinander. Entlang der Gneisenaustraße suchen die Zuschauer im Schatten der Bäume Schutz vor der Hitze. Hier gerät der Korso zum Stillstand, um die Bands bilden sich Trauben. Der Cocktailmixer an der Ecke Mittenwalder Straße bekommt davon wohl kaum etwas mit. Seine Blicke haften seit Stunden an Limetten, Pitu, Eis und braunem Zucker. Mindestens 500 Caipirinhas habe er bereits gemixt, sagt er. Im Biergarten von "Rosi - zum gemütlichen Eck" hat es sich die Kreuzberger Urbevölkerung bequem gemacht. Von der Eckkneipe aus hat sie den Überblick. "Gut gefällt es mir," sagt eine Frau, ein Schultheiss vor sich, "sehr gut."

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