Berlin : Pfingsten in Berlin: Zwischen Fliegern und Flamenco

Katja Füchsel

Wenn die Berliner an diesem Pfingstwochenende unter etwas zu leiden hatten, dann war es die Qual der Wahl: Karneval der Kulturen, die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung, Konzerte im Zoo, Tierpark und auf dem Gendarmenmarkt, Steglitzer Festwoche, Kulturlustgarten, Strandbad Wannsee, Nacht der offenen Kirchen... Die ganze Stadt war Pfingsten auf den Beinen, wie ausgestorben wirkte am Sonntagnachmittag nur mancher Platz in Kreuzberg: Als die türkische Nationalelf bei der EM gegen Italien antrat

Hochbetrieb beim Karneval der Kulturen: In exotischen Kostümen und auf bunt geschmückten Wagen zogen rund 4000 Musiker und Tänzer aus 70 Ländern zehn Stunden lang durch die Straßen Kreuzbergs - wesentlich länger als geplant. Jeder neue Wagen brachte für die 600 000 Schaulustigen auf dem Bürgersteig neue Rhythmen: Samba, Flamenco, afrikanische Trommeln, arabische Folklore. Die schon für den Sonntagmittag angekündigten Gewitterschauern kühlten die Teilnehmer erst in den Abendstunden ab. Nachmittags schütteten Anwohner der Strecke eimerweise Wasser aus den Fenstern auf die Zuschauer.

Der Flughafen Schönefeld war tagelang von Verkehrsstaus eingekeilt, dennoch: Mit Ferngläsern, Fotoapparaten, Teleobjektiven und Videokameras eroberten seit Freitag die Berliner und Brandenburger die ILA 2000. Viele wollten einmal durch den gigantischen Rumpf des Airbus-Riesentransporters "Beluga" schlendern und die nicht mehr ganz so geheime Überwachungstechnik an Bord eines Nato-Aufklärers aus der Nähe betrachten. "Etwas mulmig" fühlte sich mancher Besucher, als am Sonnabend auf der ILA die erste öffentliche Kunstflugschau einer Militärstaffel in Deutschland seit der Katastrophe von Ramstein vor zwölf Jahren startete.

Die Bilanz der ILA-Veranstalter fiel am Montag nach sieben Tagen positiv aus: "Mit 941 Ausstellern aus 38 Ländern konnte eine Rekordbeteiligung verzeichnet werden", teilte der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie mit. Mehr als 200 000 Menschen haben die ILA besucht, 1998 waren es 226 000.

Auf Tuchfühlung gingen im wahrsten Sinne des Wortes die Gäste im Strandbad Wannsee: Schon morgens um halb acht standen hier die Schwimmer an, um auf Einlass zu warten. Nachmittags hatte kaum noch ein Handtuch am Badestrand Platz. Die Wetterbedingungen waren für einen Ausflug ideal: Temperaturen um die 30 Grad im Schatten und 21 Grad im Wasser. Erst in der Nacht zum Montag kam Tief "Lydia" mit Gewittern und kühlte die schwüle Luft auf nächtliche 15 Grad ab.

Einen Besucherrekord meldete mit rund 220 000 Gästen auch die Steglitzer Festwoche. Rund 300 000 Besucher wurden beim 17. Internationalen Kulturlustgarten im Volkspark Mariendorf erwartet. Die "Freizeit 2000" lockte rund 10 000 Gäste auf die Galopprennbahn Hoppegarten. Etwa 15 000 Menschen unternahmen allein am Sonntag einen Ausflug in den Zoologischen Garten.

Vergleichsweise ruhig ging es am Gendarmenmarkt zu, wo von Mittwoch bis Montag die Handwerkskammer ihr 100-jähriges Bestehen feierte. Voll besetzt waren die Tribünen zwischen den weißen Zelten und Baugerüsten nur, wenn kostenlos zum Konzert aufgespielt wurde. Die Kölner Musikgruppe Bap (Donnerstag) und die Berliner Puhdys (Sonntag) zogen jeweils 8000 Zuhörer an. An den übrigen Tagen gab es wiederholt Beschwerden von Touristen, die das historische Ensemble besichtigen wollten. Die kommerzielle Nutzung des Platzes ist seit Jahren umstritten. Nach den Angaben der Veranstalter haben insgesamt rund 80 000 Besucher das Handwerkerjubiläum gefeiert.

Eine fast gespenstische Stille machte sich am Sonntagnachmittag dagegen an einigen Orten in Kreuzberg breit: Die Hasenheide beispielsweise, wo sich in der Regel Grill an Grill reiht, lag ebenso wie der Platz am Kottbusser Tor nahezu menschenleer da. Es wäre die Stille vor dem Begeisterungs-Sturm gewesen, wenn die Türkei ihr Eröffnungsspiel gegen Italien gewonnen hätte. Nach der 1:2-Niederlage blieb es aber bei einem einzelnen Alfa, der hupend zwei Runden im Kreisverkehr drehte.

Besinnlich ging es mit Tausenden Gläubigen am Sonntag bei der "Nacht der offenen Kirchen" zu, an der sich rund 140 Gemeinden aller Konfessionen beteiligten. Das Kirchenfest endete indessen mit einem kleinen Eklat: Nach der Predigt des katholischen Kardinals Georg Sterzinsky beim Schlussgottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche erhob ein Teilnehmer das Wort gegen den Geistlichen und kritisierte dessen Aussagen zur Ökumene mit den Worten: "Das ist hier doch der Turmbau zu Babel!" Als es nicht gelang, den Zweifler zu beschwichtigen, ließ der evangelische Bischof Wolfgang Huber schnell das Lied "Sonne der Gerechtigkeit" anstimmen. Der Aufständische wurde dann unter Gesang und Orgelklang ins Freie gedrängt.

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