Berlin : Pflanzsaison: Total grün hier

Thomas Loy

Sonntags um Zehn: Weil Adam das mit dem Paradies verbockt hat, muss der Mensch im Schweiße seines Angesichts gegen Disteln und Kriechgewächse anpflügen, bis die Sonne untergeht. Der Garten Eden ist harte Arbeit geworden, und am Tag des Herrn wird sie vollbracht, da der Rest der Woche hoffnungslos verplant ist.

Früh um Neun stand die Gemeinde gestern Schlange an der Pforte zum Paradiesgarten-Abholmarkt "Der grüne Holländer" in Pankow-Schönholz, begehrte lautstark Einlass, bis Erzengel Jan Tilma ein Erbarmen zeigte und vorfristig öffnete. Die Behörden sind beim Ladenschluss nicht mehr ganz so streng, weiß der Holländer, und zwei Stunden Sonderöffnung sind schon kurz genug.

Katrin und Wolfgang waren gerade beim Autowaschen, als plötzlich ein Sonnenstrahl dicht neben ihnen einschlug und einen unbändigen Blütendurst auslöste. Wolfgang schiebt nun die Schubkarre und findet es nicht ungewöhnlich, dass fast alle Männer, zumeist sportlich gekleidet, Schubkarre schieben, während die Frauen palettenweise Dahlien und Hängegeranien (Typ bayerische Almhütte) einladen. Zeitweise kommt es zu gefährlichen Ausweichmanövern, wenn in zweiter Reihe geparkt wird. Einige Gänge im dicht begrünten Gewächshaus sind einfach unpassierbar. Die Schubkarre ist kein besonderer Erlebnisshopping-Gag, sondern einfach einige hundert Mark billiger als der bekannte Gittereinkaufswagen.

Da lässt es sich besser verschmerzen, wenn ein paar Dutzend Karren im Jahr spurlos verschwinden. Wolfgang würde sich die Pflanzenpracht lieber daheim im Internet herunterladen, aber irgendwie witzig ist es dann doch, wenn Partnerin Katrin einen Schwung "Männertreu" zulädt ("Sieht aus wie vergammelte Petersilie") und später noch Weihrauch - wegen der Mückenplage.

Im Garten zu arbeiten, sei eine "schöne Beschäftigung", findet Katrin. Wolfgang lehnt harte Arbeit wie Umgraben allerdings für sich persönlich ab. "Umgraben" wird auf der Rasensamenpackung "Berliner Tiergarten" gefordert. Wolfgang würde unter diesen Umständen lieber Rollrasen nehmen. Es fehlen noch Flüssigdünger und eine Gießkanne - jetzt haben sie den grünen Holländer Jan Tilma an seiner Achillesverse erwischt. Gießkannen darf er sonntags nicht verkaufen. Mitten im Getümmel unterhält sich Klein-Unternehmer Klaus-Dieter Brunk mit Nachbarn über den Totalverlust seiner "Balkonbegrünung aufgrund einer Dauerberegnung von oben". Falsch gefliest, da ist sich Brunk sicher. Brunk kauft jetzt Dahlien, 16 Stück für acht Balkonkästen. Beim grünen Holländer hätten die Pflanzen wenigstens noch Wurzeln unten dran. Pflanzer aus Deutschland achten auf Qualität, das hat auch Jan Tilma gelernt.

Dicker müsse der Pflanzballen sein als in seiner Heimat üblich, und der oberirdische Teil auf jeden Fall abgehärteter. Ein Herr in Goretex-Jacke fragt, ob auch die Pflanzkübel winterhart seien. Jan Tilma bedauert. Horst Schnabel, dem die Bartstauden bis zu den Ohren wachsen, steht Wache an einer halbvollen Schubkarre. Beim Frühstück kam seiner Familie spontan die Idee, zum Holländer zu fahren - liegt eh auf dem Weg zum Friedhof. Zuhause sind zudem 800 Quadratmeter Garten zu bestücken - 80 Prozent Rasen, der Rest Blumenacker. Da stehen schon Sträucher drin aus allen Teilen der Erde, und Steine aus dem Harz, Norwegen und der Lausitz.

Ein privater Garten Eden. Bringt einfach Spaß, die Plackerei. Das muss Adam gewusst haben, als er in den Apfel biss. Ein rechter Mann mag nicht faul herumliegen, bis ihm die Früchte in den Mund wuchern. Er will selbst ein Schöpfer sein.

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