Berlin : Pflaster auf die Wunden der Nacht

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Von Holger Wild

Die Glastransporter. Die fallen gleich auf in den Straßen von SO 36. Nach den alljährlichen Straßenschlachten die alljährlichen Reparaturen. An der „Mariannen Apotheke“ zum Beispiel, direkt an der Ecke zum -platz. Acht Fenster-Segmente hätten sie ihm zerschmissen, sagt der Besitzer Hermann Rausch. Das ist mehr als im letzten Jahr. Wut ist ihm nicht anzumerken. Die Versicherung hat immer klaglos gezahlt. Könnte aber sein, dass sie fürs nächste Mal Spanplatten vor den Fenstern verlangen, überlegt Rausch.

Das Wartehäuschen auf dem Platz ist gleich all seiner Scheiben verlustig gegangen. „Entglasen“ nennt man das in der Szene; das Häuschen traf es als erstes am Nachmittag des 1. Mai. Im Kleinpflaster des Platzes klaffen Krater. Ein junger Bauarbeiter flickt sie. Ein paar Tage werde es dauern, bis alles ausgebessert ist, sagt er gleichmütig. Im letzten Jahr war’s schlimmer. Es sind zum Teil dieselben Pflastersteine, die da wieder eingesetzt werden: Die BSR sammelt sie am frühen Morgen von den Straßen und legt kleine Häufchen an, aus denen sich die Tiefbaufirmen bedienen können.

Waldemarstraße. Ein blauer Honda hat kein Rückfenster mehr. Auf dem Armaturenbrett liegt ein Zettel: „Hi, wohne gegenüber, wenn die Karre im Weg steht, bitte anrufen.“ Folgt eine Telefonnummer. Doch das hat niemanden gekümmert. Es war wohl ein Stein, dem die Karre im Weg war.

Und der Besitzer hat noch Glück gehabt. Wenige Meter weiter liegen zwei Autos auf ihren Dächern. Ausgebrannt. Rußgeschwärzter roter Lack, Asche, verschmortes Gummi. Ein Audi, ein Ford Fiesta. Keine „Bonzenautos“. Drei türkische Männer umstehen die Wracks. Nein, ihre sind es nicht, zum Glück.

Ein Pärchen in der „Taqueria Florian“ am Heinrichplatz dagegen grinst leicht verwundert: „Gar keine Kollateralschäden zu sehen.“ In der Tat – auf dem Heinrichplatz selbst zeugt nichts mehr vom Steinhagel des Vorabends. In warmer Frühlingsluft sitzen die Leute vor den Cafés und frühstücken, erledigen ihre Einkäufe, warten auf den Bus. Autos brummen vorüber. Das geschäftige, friedvolle Bild eines ganz normalen Kreuzberger Vormittags. Die Holzplatten vor den Läden sind längst wieder verschwunden.

Auch in der Adalbertstraße hat ein Auto seine Scheiben verloren. Keiner achtet seiner. Die anderen Wagen, die in der Nacht umgestürzt und „abgefackelt“ wurden, sind schon fortgeräumt. An den Bordsteinen liegen noch einige plattgedrückte Bierdosen. Da und dort weitere Löcher im Straßenpflaster. Am geplünderten „Plus“-Markt am Oranienmarkt ist die Firma „Alarm-Glas“ zu Werke. Vier Leute setzen eine große neue Scheibe ein. Die Stahl-Rollos, die nichts geholfen haben, werden ausgebeult. Passanten stehen dabei, neugierig, wortlos. In einem Baucontainer ist der Müll der Nacht gesammelt. Bierdosen, Reste von Überraschungseiern. Was man so braucht als Straßenkämpfer. Kinder stochern mit einer Latte im Abfall herum. Ein Mann in schäbiger Trainingsjacke fischt sich eine Großpackung Klopapier heraus.

Ein großer Haufen leerer Bierdosen ist auch an der Ecke zum Legiendamm zusammengekehrt. Ramponiert und zugig zeigt sich das Wartehäuschen auf dem Oranienplatz. Dahinter sitzen, wie immer, türkische Senioren auf einer Bank. Auf der Nachbarbank, ebenfalls wie immer, geben sich einige Penner die Kante.

Gegenüber wird das Zifferblatt der großen Uhr erneuert. Um zehn in der Nacht war sie stehen geblieben. Um kurz nach eins läuft sie wieder. War was?

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