Berlin : Pflaster für Prometheus

Das Neue Museum ist eine riesige Baustelle. Deutschlands Spezialisten arbeiten an der Restaurierung. Sie kostet 300 Millionen Euro

Marc Neller

Man braucht eine rege Fantasie, um sich vorzustellen, wie die Schönheit mit den Mandelaugen und den fein geschwungenen, rot geschminkten Lippen hier von ihrem Sockel herunterblicken wird. Aber der Platz für das edelste Abbild der Nofretete, eine 48 Zentimeter hohe Kalksteinbüste, 3345 Jahre alt, steht schon fest: ein 200 Quadratmeter großer Festsaal in der Treppenhalle des Neuen Museums. Ferne Zukunft. Derzeit nämlich ist der Bau eingerüstet. Erst im Jahr 2009 sollen auf der Museumsinsel alle fünf Häuser wiedereröffnen.

Hinter den Bauzäunen des Neuen Museum verbirgt sich trotz emsiger Arbeiten noch immer das, was die Frankfurter Allgemeine Zeitung „preußisches Pompeji“ nannte: eine Ruine, die den Charme des Maroden atmet. Nofretetes künftige Heimat besteht momentan aus vier Außenwänden. Die Treppenhalle ist mit einem Labyrinth von Baugerüsten ausgekleidet. Bohrer dröhnen, Maurer schichten Second-Hand-Backsteine um, die Luft ist baustaubschwer.

Martin Reichert will und darf sich davon nicht beeindrucken lassen. Sein Job erfordert Fantasie. Er trägt zum braunen Cordanzug einen weißen Bauhelm. Er gehört zum Stab des englischen Architekten David Chipperfield, der den rund 300 Millionen Euro teuren Umbau verantwortet.

Reicherts Blick verklärt sich, wenn er in acht Meter Höhe auf einem Baugerüst mit dem Zeigefinger durch die Luft fährt und zu jenem imaginären Punkt vor dem Mittelfenster der westlichen Wand deutet: Nofretetes Platz.

Ein Ort mit kühler Hülle ist das. Die Ziegelwände verströmen Fabrikatmosphäre. Das wird auch so bleiben. „Die Mauern werden nicht verputzt“, sagt Reichert und nennt das „authentisch“. Ein Begriff, den er oft benutzt, wenn er erklärt, warum etwas so und nicht anders restauriert wird. Deshalb gab es schon heftige Auseinandersetzungen mit der „Gesellschaft Historisches Berlin“. Sie kritisiert, dass die Kriegsschäden nicht rigoros unsichtbar gemacht werden, und wünscht sich das Treppenhaus mit Repliken von Wilhelm von Kaulbachs Wandgemälden zurück – die Wiederkehr preußischer Herrlichkeit.

Gerade ist die Museumsinsel 175 Jahre alt geworden. Das Neue Museum entstand Mitte des 19. Jahrhunderts. Ein kühnes Werk des Schinkel-Schülers Friedrich August Stüler mit einem guten Dutzend Sälen: bunt und verziert und voll mit Stuck und Fresken. Im November 1943 aber durchschlug eine Brandbombe die Decke der Eingangshalle. Die Wandmalereien waren dahin. Wasser rann ins Gebäude, Schwamm befiel die Gemäuer. Mitte der achtziger Jahre beschloss die DDR, das Museum wiederaufzubauen. Dann kam die Wende, die Pläne verschwanden vorerst in den Schubladen.

Doch nun mühen sich Spezialisten, die Ruine in den von David Chipperfield erdachten neuen Zustand zu versetzen. Ein Team aus Dresden erledigt derzeit Arbeiten an Wänden. Die Männer haben die Frauenkirche aufgebaut, man erkennt sie an ihren roten Helmen. An der Südseite des Museums jagen Arbeiter Stickstoff mit einer Temperatur von minus 140 Grad in den Boden – über Rohre, die sie „Lanzen“ nennen. „Der Untergrund“, erklärt Planer Martin Reichert, „wird eingefroren, damit der Boden beim Wiederaufbau stabil bleibt.“

Im Niobidensaal und dem Nordkuppelsaal, zwei der schönsten Museumsräume Europas, waren in den vergangenen Wochen vier Restauratorinnen aktiv. Die 32-jährige Joana Pomm klebt wandschonende Pflaster auf die nässenden Kriegswunden, damit die Farben nicht weiter von der Wand blättern. Und sie nimmt den kostbaren Bodenbelag an Stellen ab, an denen bald Deckenstützen aufgesetzt werden. Was die Restauratoren sichern, wird nummeriert und in ein provisorisches Lager gebracht. Im Griechischen Hof liegen auf fünf Etagen rund 1000 Einzelteile: Wandbilder, Städteporträts, Kleinkram.

Der nordöstliche Teil des Museums ist vergleichsweise gut in Schuss. Anfang 2006 sollen Stuckateure mit den ersten Feinarbeiten beginnen. Im südlichen Teil sind die Architekten hingegen froh, dass wenigstens keine Birken mehr im Erdgeschoss sprießen. „Da warten noch Herausforderungen auf uns“, sagt Reichert. Die Ingenieure haben mit Ultraschall geprüft, ob die Mauern stabil sind. Tragende Säulen wurden mit Gittern ummantelt, um sie vor Schubkarrenstößen zu schützen. Einige lagern im Depot, bei anderen ist noch unklar, ob sie die Last des neu entstehenden Baus tragen können. Das testen jetzt Bremer Wissenschaftler .

Weil Berlin pleite ist, zahlt dies überwiegend der Bund – und das Ringen um teure Einzelheiten dauert an. Prominenteste Beispiele sind das neue Eingangsgebäude, der Ausbau einer teils unterirdischen archäologischen Passage zwischen den Museen und die Umgestaltung des renovierungsbedürftigen Pergamon-Museums.

Doch aller Streit und die lange Bauzeit werden für die Planer vergessen sein, sobald Nofretete ihr Versprechen eingelöst hat. Ihr Name bedeutet übersetzt: Die Schöne, die da kommt.

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