Berlin : „Pflege gehört zur Psychiatrie“

Mario Czaja und Heinrich Beuscher über die Zustände in Berliner Heimen.

Am Sonnabend veröffentlichte der Tagesspiegel einen Bericht über katastrophale Zustände in Pflegeheimen, die geschlossene Abteilungen unterhalten, in die psychische kranke Menschen abgeschoben werden. Im Interview nehmen Senator Mario Czaja und Heinrich Beuscher, Landesbeauftragter für Psychiatrie, Stellung.

Sind Pflegeheime wirklich die geeigneten Orte, um psychisch Kranke zu therapieren?

Beuscher: Die Versorgung in Pflegeeinrichtungen ist nichts Neues, Pflege gehört zur Psychiatrie.

Das bedeutet, seit Umsetzung der Psychiatriereform haben Sie systematisch auch Pflegeheime mit involviert?

Beuscher: Systematisch ist zu weit gegriffen. Wir haben versucht, Pflegeeinrichtungen zu gewinnen, die mit dem psychiatrischen Versorgungssystem, mit den Kliniken, mit den Leistungsanbietern der Wiedereingliederungshilfe zusammenarbeiten.

Ist der Versuch gelungen?

Beuscher: Die Realität zeigt, dass er vielleicht nicht gänzlich, aber doch zu einem großen Teil gelungen ist.

Wie viele chronisch psychisch Kranke werden ohne Gang durch die Steuerungsgremien direkt in Pflegeheime eingewiesen?

Beuscher: Wir haben keine durchgängige Erfassung. Ich habe mich selbst darüber geärgert, dass wir seit Anfang der Psychiatriereform keine Begleitforschung auf die Beine stellen konnten.

Wie kann es überhaupt zu solchen Einweisungen kommen?

Beuscher: Der Personenkreis, der am Steuerungssystem der Psychiatrie vorbeigeht, läuft auch an uns vorbei. Ich weiß, es gibt Einzelfälle, wo dieser vorgeschriebene Weg umgangen wird.

Kann der Senat nicht Steuerungsmöglichkeiten schaffen, wenn es um die Einweisung geht?

Czaja: Dem Thema müssen und werden wir uns widmen. Wir wollen uns anschauen, welche Personen in diesen Pflegeeinrichtungen ankommen, welche Pflegestufe sie haben und welche Erkrankung dahintersteht.

Reichlich spät. Seit 2005 liegt Ihnen eine Studie vor, die die Zustände detailliert beschreibt.

Czaja: Ich will nicht, dass es einen unkontrollierten Aufwuchs von Plätzen in stationären Pflegeeinrichtungen gibt. Und wenn psychisch Kranke in Pflegeeinrichtungen sind, und dafür kann es ja auch gute Gründe geben, dann muss die Qualität gewährleistet sein. Ich erinnere mich an einen Besuch in einer Heimeinrichtung mit etwa 120 Plätzen, in der auf einer Station somatisch intensiv Pflegebedürftige zusammen mit psychisch Kranken betreut wurden. Da war es unerwartet ruhig, weil nach meinem Eindruck viele medikamentös ruhiggestellt waren. So etwas sollte hier in Berlin nach Möglichkeit vermieden werden.

Es ist aber Praxis.

Czaja: Wir wollen die ambulante Psychiatrie stärken. Die regionalen Strukturen, so sagen mir viele Fachleute aus den Bezirken, funktionieren gut. Sie sagen, wir verlieren so schnell niemanden in unserem Hilfesystem.

Beuscher: Auf die Frage, was kann der Senat machen, gibt es keine eindimensionale Antwort. Auf das Entlassungsgeschehen einer Klinik hat der Senat keine Einflussmöglichkeiten. In jedem Einzelfall muss abgewogen werden, welche Leistung dem psychisch erkrankten Menschen angeboten wird und welche Leistung er bereit ist anzunehmen.

Also ein klares Ja zu Pflegeheimen?

Beuscher: Auch für chronisch psychisch Kranke sind Pflegeeinrichtungen ein Ort, der nicht wegzudenken ist. Wir haben in allen Pflegestufen psychisch kranke Menschen, von daher ist Pflege nicht per se falsch. Wichtig ist nur, dass die richtigen Menschen dort ankommen. Wir müssen alles dafür tun, dass die Leistungskapazitäten für die Pflegestufe null für chronisch psychisch Kranke sehr genau auf ihre Bedarfsnotwendigkeit und auf Alternativen überprüft werden. Wir brauchen Transparenz und flexiblere Übergänge zwischen den großen Bereichen von medizinisch-therapeutischer Behandlung, ambulanter und stationärer Pflege, Leistungen im betreuten Wohnen sowie der Information, was Psychiatrie kann und was sie nicht kann.

Das Interview führte Christiane Tramitz

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