Pflege und Versorgung im Alter : Berlin geht auf die 80 zu

Die Zahl hochbetagter Einwohner steigt stark an – bis 2030 um rund 100.000. Um die Alten will sich die Stadt verstärkt kümmern, Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) stellt seine Ideen vor.

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Zeit für ein Päuschen. Die Zahl der Berliner Senioren steigt stetig.
Zeit für ein Päuschen. Die Zahl der Berliner Senioren steigt stetig.Foto: imago/epd

Eigentlich gilt die Hauptstadt ja als dynamisch, wild und – jung. Und anders als in vielen Städten und den meisten Dörfern ist die Bevölkerung in Berlin mit knapp 43 Jahren tatsächlich jünger als im Bundesdurchschnitt, der bei 46,3 Jahren liegt. Doch bald wird sich das ändern. Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) erwartet bis 2030 einen starken Anstieg des Durchschnittsalters.

Während heute beispielsweise 170 000 Berliner und Berlinerinnen älter als 80 Jahre alt sind, werden es 2030 schon fast 265 000 sein. Senator Czaja, der sich immer als Experte für Pflege durchsetzen wollte, hat darauf schon 2015 mit einer Anfrage an mehr als 200 Initiativen, Verbände und Einrichtungen reagiert: Was brauchen Senioren in Berlin am ehesten?

Am Dienstag nun stellte der Senator im Königin-Elisabeth-Herzberge-Krankenhaus in Lichtenberg vor, was dazu diskutiert worden ist: Wesentlich dürfte das Risiko-Screening in den Berliner Kliniken sein. Kommen Ältere in eine der 39 Rettungsstellen der Stadt, wird routinemäßig abgefragt: Wohnt der Patient allein, erhält er Besuch? Hat er im Alltag mit Barrieren zu kämpfen? Reicht die Rente für alle Medikamente? Das helfe auch, erklärte Czaja, ältere Patienten mit Demenz leichter zu erkennen und deren Versorgung zu planen. Bald soll zudem vorgeschrieben werden, dass jede Klinik einen Demenzbeauftragen anstellen muss.

Krankenhausgesetz noch vor der Wahl?

Der Senator möchte auch an die Arztpraxen heran: Damit altersbedingte Probleme der Patienten besser berücksichtigt werden, will Czaja eine „einheitliche Weiterbildung“ für niedergelassene Mediziner einführen. Für die Ausbildung wäre die Ärztekammer zuständig. „Von der Einführung eines Risiko-Screenings in den Notaufnahmen, über die Verbesserung der geriatrischen Kompetenz von Hausärzten bis zur Ausweitung der Angebote von Mobilitätshilfen hat alles das Ziel, die Berliner in hohem Alter zu versorgen“, sagte Czaja. In den Sozialverbänden, die viele Alte in Pflegeheimen und Wohnprojekten versorgen, heißt es: abwarten.

Gut, so erklärte etwa die Volkssolidärität, dass der Senator für das Thema sensibilisiere – nur müsse die Umsetzung folgen. Ob noch vor der Wahl im September das Krankenhausgesetz angepasst wird, bezweifeln viele. Und Wolfgang Albers, Linken-Gesundheitsexperte, sagte: Czaja glänze durch Binsenweisheiten, offenbar räume er schon seinen Schreibtisch im Senat auf.

Viele werden zu Hause versorgt

Die genannten Probleme seien bekannt, man brauche „keine Nachhilfe“ zum Risiko-Screening, sondern genug Klinikpersonal, um damit umzugehen. Enge Versorgungsketten und ein altersspezifischer Blick auf Patienten – das ist sicher nötig. Die meisten Altersforscher sind sich darüberhinaus einig: Vor allem diejenigen, die sich bewusst mit dem Älterwerden beschäftigen, blieben länger gesünder. Wer mit anderen zusammen aktiv sei, dem gehe es besser, erklärte kürzlich der Landesseniorenbeirat. Nicht identisch ist die Zahl der Hochbetagten mit der Zahl der Pflegebedürftigen – viele Senioren sind im hohen Alter fit.

Bis 2030 wird es dennoch mehr als 50 000 Pflegebedürftige zusätzlich in Berlin geben – Experten rechnen bis dahin mit 170 000 Männern und Frauen. Die meisten von ihnen werden zwar zu Hause versorgt, in den Heimen fehlen aber trotzdem Fachkräfte – und das bereits seit Jahren. Und daran konnte auch der Gesundheitssenator wenig ändern: Nach wie vor bekommen Altenpfleger mit rund 2300 Euro brutto monatlich im Schnitt zu wenig, um die anstrengende Arbeit für Schulabgänger ausreichend attraktiv erscheinen zu lassen.

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