Pflege : Wenn die liebevolle Hand zuschlägt

Menschen, die Angehörige zu Hause betreuen, sind oft überfordert. Das Berliner Beratungstelefon "Pflege in Not" bietet Hilfe an.

Martina Schrey

„Du machst es dir nett und ich versauere hier“, solche Sprüche hat die 68-jährige Erika Müller (Namen der Betroffenen geändert) schon zu oft gehört. Mittlerweile geht sie kaum noch aus dem Haus, trifft sich auch nicht mehr mit ihrer Freundin. Seit 15 Jahren pflegt sie ihren 75-jährigen Mann Karl rund um die Uhr, selbst zur Toilette kann er nicht mehr ohne ihre Unterstützung. Von einem Moment zum anderen war er behindert, durch seinen Schlaganfall halbseitig gelähmt und an den Rollstuhl gefesselt.

Gemeinsame Unternehmungen sind mühsam, nur mit dem Telebus zu bewältigen und aufgrund der erforderlichen Planung für keinen von beiden ein großes Vergnügen. Oft ist er mürrisch, weil er so auf sie angewiesen ist. Und sie verzweifelt, weil sie niemals Ruhe hat. Lautstarke Streits bis hin zu Handgreiflichkeiten sind im Hause Müller keine Seltenheit.

Knapp 90 000 Berliner sind nach Angaben des statistischen Landesamtes pflegebedürftig, haben also laut Krankenkasse mindestens die Pflegestufe eins. 63 000 Pflegebedürftige werden zu Hause versorgt, die große Mehrheit ausschließlich von ihren Angehörigen, ohne Inanspruchnahme eines ambulanten Pflegedienstes. Lediglich ein Drittel aller Pflegebedürftigen in Berlin lebt im Pflegeheim.

Die Belastung, die die Pflege von Angehörigen mit sich bringt, ist enorm. Bis zu 180 Menschen wenden sich allmonatlich an das Berliner Beratungstelefon „Pflege in Not“, weil sie nicht mehr weiter wissen. „Natürlich ruft uns keiner an, weil er gerade seine Mutter heftig geschlagen oder eingesperrt hat“, sagt Projektkoordinatorin Gabriele Tammen-Parr. Von solchen Fällen erfahren sie und ihre Mitarbeiterinnen eher über Nachbarn oder Pflegedienste. Aber Äußerungen wie „ich halte es nicht mehr aus, es muss was passieren, sonst weiß ich nicht, ob ich ihr was antue“ hat sie schon häufig gehört.

Zu 80 Prozent sind es die Frauen, die die Pflege eines Angehörigen übernehmen. Besonders alte Menschen, meist selbst schon gebrechlich, sind von der Pflege ihres Ehepartners rein körperlich schnell überfordert. Was die Situation aber noch verschärft: Egal, ob Mann und Frau, Mutter und Tochter, Vater und Sohn, „die beiden haben immer eine gemeinsame Geschichte“, sagt Tammen-Parr, „alte, unverarbeitete Konflikte kommen massiv wieder hoch“.

Wie bei Ralf Berger, der seinen pflegebedürftigen Vater nach Berlin geholt hat: „Meinem Vater konnte ich nie was recht machen, ich habe studiert, einen guten Abschluss, eine gute Arbeit, eine nette Familie – trotzdem ist es nie genug. Obwohl wir ihn bei uns zu Hause rund um die Uhr pflegen, kommt nie ein Wort der Dankbarkeit. Es genügt wieder nicht. Ich habe oft starke Hassgefühle und muss mich beherrschen, dass ich nicht handgreiflich werde.“ Auch Ulrike Meyer hat heftige Aggressionen gegen ihren pflegebedürftigen Mann: „Früher hat er mich immer wieder betrogen und konnte nicht schnell genug aus dem Haus kommen. Jetzt will er mich immer in den Arm nehmen. Ja, ich kümmere mich um ihn. Aber er soll mir nicht zu nahe kommen.“

Wie lange ein Mensch gepflegt werden muss, ist in der Regel nicht absehbar. Durchschnittlich liegt die Pflegedauer in Deutschland bei knapp 10 Jahren. Viele entscheiden sich für die Pflege zu Hause, weil sie die eigenen Eltern nicht von Fremden versorgen lassen wollen. Oder weil sie mal versprochen haben, Vater, Mutter oder Partner niemals in ein Heim zu geben. „Sie unterschätzen dabei völlig, was für einen existenziellen Einbruch die Pflege von Angehörigen für Ehe und Familie bedeuten“, so Tammen-Parr. Schon allein die körperliche Nähe macht vielen zu schaffen, es fällt schwer, den eigenen Vater, die eigene Mutter zu waschen, zu windeln oder ihr beim Essen zu helfen. Ehefrauen fühlen sich häufig doppelt belastet, weil durch die Pflegebedürftigkeit des Partners plötzlich auch der Versorger wegfällt.

Wenn es zu heftigen, mitunter tätlichen Auseinandersetzungen kommt, so die Erfahrung von Tammen-Parr, dann sind häufig beide Opfer und Täter: „Da gibt es die Pflegenden, die noch alte Rechnungen offen haben und sich bei jeder Gelegenheit rächen, das Gespräch oder gar das Essen verweigern. Aber auch pflegebedürftige Menschen sind dazu in der Lage, zu kommandieren und zu schikanieren, machen ins Bett, weil der Angehörige zu spät kommt oder jammern ständig, wie schlecht sie es haben.“

Gesicherte Zahlen darüber, wie häufig es tatsächlich zu häuslicher Gewalt in der Pflege kommt und ob sie zunimmt, gibt es nicht. Was hinter geschlossenen Wohnungstüren passiert, lässt sich nur schwer erforschen. „Ich bin sicher, dass in vielen Haushalten sehr hingebungsvoll gepflegt wird“, sagt Tammen-Parr. Für umso wichtiger hält es die Sozialpädagogin, in Belastungssituationen Hilfe zu suchen – bevor es zu Gewalttätigkeiten kommt. Oft reichen ihrer Erfahrung nach schon einige Gespräche. Wenn dann auch noch ein ambulanter Pflegedienst die wichtigste Grundversorgung übernimmt, entspanne sich die Situation häufig. Manchmal reicht das aber nicht mehr aus – und der Angehörige muss doch in ein Pflegeheim.

Das Beratungstelefon „Pflege in Not“ ist erreichbar montags, mittwochs und freitags zwischen 10 und 12 Uhr, Tel.: 69 59 89 89. Im März erscheint die Broschüre „Gewalt in der Pflege alter Menschen“. Darin geht es um Konflikte bei der Pflege zu Hause und im Pflegeheim und wo man Hilfe finden kann.

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