Berlin : Pfleger gesteht Missbrauch auf der Kinder-Intensivstation

Michael N. verging sich in der Helios-Klinik in Buch an drei kranken Jungen Zur letzten Tat kam es, obwohl bereits eine Anzeige gegen den Pfleger vorlag.

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Tatort Intensivstation. Der 29-Jährige arbeitete bis Dezember in Buch. Foto: promo
Tatort Intensivstation. Der 29-Jährige arbeitete bis Dezember in Buch. Foto: promo

Langsam ging die Hand des Krankenpflegers zum Mikrofon. „Ich merkte, dass ich die Kontrolle verliere“, gestand er. Michael N. schluckte, suchte nach dem nächsten Satz. „Nach dem ersten Übergriff wusste ich: Jetzt ist der Teufel nicht mehr im Zaum zu halten.“ N. blieb dennoch auf der Kinder-Intensivstation der Helios-Klinik in Buch. Drei wehrlose Patienten, neun, fünf und acht Jahre alt, missbrauchte er. Obwohl ihn Eltern bereits im September 2010 anzeigten, wurde er erst drei Monate später verhaftet. Zwischenzeitlich beging er den dritten Übergriff. Weshalb es zu dieser Verzögerung kam, konnte die Staatsanwaltschaft gestern nicht sagen. Auch bei der Polizei gab es dazu noch keine Stellungnahme.

Nachdem der 29-Jährige Mitte Dezember festgenommen worden war, versuchte er, sich in seiner Zelle umzubringen. Er ist seitdem gelähmt. „Ich bin in höchstem Maße beschämt und bereue zutiefst“, verlas der Verteidiger eine Erklärung des Angeklagten. Michael N. wurde im Rollstuhl in den Saal geschoben. Er ist ein Pflegefall. In der Untersuchungshaft habe sich N. selbst bestrafen wollen, sagte der Anwalt. N. verstümmelte sich am Unterleib, kastrierte sich selbst. Lange war sein Zustand kritisch.

Sechszehn Monate später legte N. nun ein Geständnis ab, sprach über seine Lebenslüge, seine „nackte Angst, sich als Pädophiler irgendwann outen zu müssen“, über seine „völlige Selbstüberschätzung“ im Umgang mit seiner sexuellen Neigung. In sein „Opferschema“, so der Täter, passten vor allem blonde Jungen mit blauen Augen.

Am Vormittag des 11. Juni 2010 kam es dann zum ersten Übergriff. Er fasste einen Neunjährigen an, der nach einem Unfall mit einer schweren Gehirnerschütterung auf der Intensivstation lag. Seine Taten filmte N. mit dem Handy. Ähnlich ging er vor, als er in der Nacht zum 17. August 2010 einen fünf Jahre alten Jungen missbrauchte, der nach einer Vergiftung im Klinikum Buch intensivmedizinisch behandelt wurde.

Zum letzten Übergriff hätte es eigentlich nicht kommen dürfen. Es geschah am 16. November 2010 nach Mitternacht, als Michael N. wieder am Bett eines kranken Jungen stand. Acht Jahre alt war der kleine Patient damals, er befand sich wegen eines epileptischen Anfalls auf der Intensivstation. Wieder verging er sich an einem Kind. Obwohl bei der Polizei längst die Anzeige der Eltern des ersten Opfers lag. Erst am 17. Dezember 2010 führten Beamte dann den Kinderschänder ab. In seiner Wohnung entdeckte man 639 kinderpornografische Bilder. Warum liefen die Ermittlungen so spät an? Auch darauf werden nun Antworten erwartet.

Michael N. ist der Polizei vorher nie aufgefallen. Er hat keine Vorstrafen, er galt als freundlich, hilfsbereit und sozial engagiert. Der Pfleger lebte allein in einer Wohnung im Pankower Ortsteil Karow. Seit Oktober des Jahres 2009 arbeitete N. auf der Kinder-Intensivstation. „Ich bin nicht mit der Absicht dort hingegangen, um Kinder zu missbrauchen,“ sagte er. Als er jedoch merkte, dass er beim Anblick „bestimmter Kinder“ ein starkes Verlangen spürte, habe er sich abgelenkt oder Medikamente geschluckt. Er habe aus Angst keine professionelle Hilfe gesucht.

Schließlich verlor er die Beherrschung. „Ich hatte es nicht geplant“, versicherte N., der jetzt in Therapie ist. Es sei für ihn auch „ein Wunder, dass mich Kollegen nicht entdeckten“. Denn die Türen seien auf der Intensivstation nicht geschlossen, damit Pfleger und Ärzte etwaige Komplikationen sofort registrieren können. N. sagte, er könne sich an die konkreten Situationen bei seinen Taten nicht erinnern. Die Klinik hatte nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle sofort Konsequenzen gezogen und ein Kinderschutzprogramm aufgelegt. Seither werden etliche Stationen mit Videokameras überwacht. Der Prozess wird Dienstag fortgesetzt.

Zuschauer der Verhandlung erinnerte der Fall an die Anfang April bekannt gewordene schwere Polizeipanne im Zusammenhang mit dem Sexualmord an der elfjährigen Lena in Emden. Wie berichtet, hatte sich der geständige 18-jährige Täter schon im November vergangenen Jahres, also vier Monate bevor er das Mädchen missbrauchte und erstach, bei der Polizei in Emden wegen seiner pädophilen Neigungen selbst angezeigt. Er war zu dieser Zeit in psychiatrischer Behandlung. Die Anzeige wurde aber nicht weiter verfolgt, obwohl das Amtsgericht Hannover im Dezember 2011 zusätzlich einen Durchsuchungsbeschluss für die Wohnung des 18-Jährigen erwirkte.

Bis zum Mord an Lena am 24. März und der Festnahme des jungen Mannes am 1. April geschah dann aber nichts.

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