• Pfleger soll sich an Sechzehnjähriger vergriffen haben: Missbrauchsvorwürfe: Informationschaos an der Charité

Pfleger soll sich an Sechzehnjähriger vergriffen haben : Missbrauchsvorwürfe: Informationschaos an der Charité

An der Charité soll ein Pfleger eine Sechzehnjährige sexuell missbraucht haben. Wann hat Klinikchef Einhäupl von den Vorwürfen erfahren: erst am Dienstag, wie es zunächst hieß, oder schon am vergangenen Freitag?

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Charité-Chef Karl Max Einhäupl.
Charité-Chef Karl Max Einhäupl.Foto: dapd

Im Missbrauchfall an der Charité wird auch an diesem Freitag erwartet, dass die Klinikleitung um Karl Max Einhäupl über den Stand der Aufklärung informiert. Am Donnerstag hatte die Klinikleitung erneut Versäumnisse einräumen müssen: Sowohl Vorstandschef Einhäupl als auch der Ärztliche Direktor Ulrich Frei sollen bereits am Freitag nach einer Sitzung „vage und zwischen Tür und Angel“ über den Vorgang informiert worden sein. Zunächst hatte es geheißen, Einhäupl habe erst am Dienstag von dem Fall erfahren. Zu diesem Widerspruch sagte der Klinikchef am Donnerstag, ihm sei bei der ersten Unterrichtung nicht klar gewesen, dass es sich beim mutmaßlichen Opfer um eine Patientin handeln soll. In Einrichtungen dieser Größe – die Charité hat mehr als 13.000 Mitarbeiter – gibt es nahezu täglich Vorwürfe zu Distanzlosigkeit und Missbrauch, meist zwischen Mitarbeitern. Oft, so Klinikmitarbeiter, stellten diese sich aber als nicht wahr oder nicht nachweisbar heraus.

An der renommierten Universitätsklinik soll vergangene Woche eine 16 Jahre alte Patientin von einem 58 Jahre alten Pfleger sexuell missbraucht worden sein. Erst am Mittwoch – also fünf Tage später – ging die Klinik auf medialen Druck hin an die Öffentlichkeit.

Was geschah wann? Die Chronologie der Ereignisse:

Mittwoch, 14. November 2012

Kurz nach Mitternacht wird eine Jugendliche in die Kinderrettungsstelle der Charité in Wedding gebracht. Sie erhält Beruhigungsmittel. Ein 58 Jahre alter Pfleger soll ihr beim Ausziehen der Hose geholfen haben, dabei war er mit der Patientin bisherigen Erkenntnissen zufolge für zwei bis drei Minuten alleine. Nach derzeitigem Erkenntnisstand kam es in diesem Zeitraum zum sexuellen Missbrauch. Die Jugendliche spricht nach dem Übergriff mit ihrem Vater, der gegen Mittag mit dem behandelnden Arzt redet. Der Pfleger wird suspendiert. Die Patientin und ihre Familie entscheiden daraufhin, dass die Jugendliche eine weitere Nacht in der Klinik bleibt. Das Mädchen wird untersucht, körperlich hat es nach Klinikangaben keine bleibenden Schäden erlitten. Charité-Chef Karl Max Einhäupl wird die Familie vom Personal auf die Möglichkeit hingewiesen, den Fall anzuzeigen – was sie aber nicht tut. Dies hätte allerdings auch die Klinikleitung tun können.

Donnerstag, 15. November 2012

Der Vorfall wird unter Kollegen auf dem Virchow-Campus in Wedding bekannt. Die Kinderschutzkoordinatorin der Universitätsklinik erfährt von dem Missbrauchsvorwurf. Charité-Chef Einhäupl zufolge rät sie, den Mann auch ohne ausdrücklichen Wunsch der betroffenen Familie anzuzeigen. Die Rechtsabteilung der Klinik habe aber bis zur Klärung der Vorwürfe abgeraten, sagte Einhäupl: „Wir wollten nichts vertuschen, sondern sicher sein, dass wir den Richtigen treffen.“ 

Freitag, 16. November 2012

Der Aufsichtsrat der landeseigenen Universitätsklinik tagt. Er kommt wegen der Keime im Virchow-Klinikum der Charité zusammen. Der Skandal hatte die Klinik in den vergangenen Wochen beschäftigt. Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) hatte damals die widersprüchliche Informationspolitik der Charité-Spitze kritisiert. Nach der Sitzung erfährt Einhäupl eigener Auskunft zufolge „nur vage im Vorbeigehen“ von dem aktuellen Missbrauchsvorwurf. Ihm sei nicht klar gewesen, dass es sich um eine Patientin handeln soll. In Einrichtungen dieser Größe – die Charité hat mehr als 13.000 Mitarbeiter – gibt es nahezu täglich Vorwürfe zu Distanzlosigkeit und Missbrauch, meist zwischen Mitarbeitern. Oft, so Klinikmitarbeiter, stellten diese sich aber als nicht wahr oder nicht nachweisbar heraus. 

Montag, 19. November 2012

Der beschuldigte Mitarbeiter wird angehört. Die Klinikleitung erwägt nun doch eine Anzeige.

Dienstag, 20. November 2012

Charité-Vorstandschef Einhäupl wird nun umfassend über den Fall unterrichtet. In der Klinikleitung bereitet man dem Vernehmen nach eine „umfassende Aufklärung“ auch der Öffentlichkeit vor. Zu spät, wie sich am folgenden Tag herausstellen sollte.

Mittwoch, 21. November 2012

Erste Medienberichte bringen die Charité in Bedrängnis. Auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz erklärt Einhäupl, er habe erst am Dienstag von dem Vorfall erfahren. An den vagen Hinweis von Freitag erinnert er sich dabei offenbar nicht. Die Klinikleitung räumt ein, dass der verdächtige Pfleger wegen „Distanzlosigkeiten und unsittlichen Berührens“ schon vorher auf der Station ins Gerede gekommen war.

Donnerstag, 22. November 2012

Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft – und zwar von Amts wegen, wie bei schweren Taten üblich. Weder die Betroffene noch ihre Familie oder die Klinik haben den Fall angezeigt. Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) prüft Konsequenzen - und fordert bis kommenden Montag einen Bericht der Klinikleitung. Zudem soll ein unabhängiges Expertenteam die Vorgänge klären und die Abläufe in der Charité verbessern. Neben der früheren Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) gehören Julia von Weiler (Kinderschutzverein „Innocence in Danger“), Udo Nagel (Ex-Innensenator von Hamburg) sowie Sylvester von Bismarck (Kinderchirurg) und Günther Brenzel (Pflegeexperte) dem Gremium an. Einhäupl sagt, man brauche eine neue Fehler- und Kommunikationskultur. 

Freitag, 23. November 2013

Noch sind viele Fragen ungeklärt: Wieso ist der Pfleger nicht früher – auch auf Basis von nicht gerichtsfest bewiesenen Vorwürfen – zumindest in eine andere Station versetzt worden? Warum findet sich laut Klinikleitung nichts in seiner Personalakte? Wieso dauerte es Tage, bis Charité-Chef Einhäupl am vergangenen Freitag über den Vorwurf informiert wurde – und dann nur zwischen „Tür und Angel“? Warum entschied man sich nicht, den Pfleger auch ohne diesbezüglichen Wunsch der betroffenen Familie anzuzeigen? Und wieso vergingen weitere fünf Tage, bis sich die Klinik zum Vorfall äußerte? Auch an diesem Freitag sind viele Fragen offen - und es wird erwartet, dass die Klinikleitung um Karl Max Einhäupl über den Stand der Aufklärung informiert.

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