Philharmonie : Es gehört zu mir

Rauch über der Philharmonie – die Stadt hielt am Dienstag den Atem an. Derweil eilten die Musiker in das Gebäude, um ihre kostbaren Instrumente zu retten. Welche Gefühle hatten die Künstler dabei? Wir haben Berliner Philharmoniker bei den Proben für ihren heutigen Auftritt in der Waldbühne gefragt.

Udo Badelt

Musiker und ihre Instrumente – das ist eine ganz besondere Beziehung. Am Dienstag wurde das Außenstehenden noch einmal bewusst, als die Berliner Philharmoniker zur Rettungsaktion ihrer kostbaren Arbeitsutensilien in der brennenden Philharmonie erschienen. Zwischen den Proben für das Konzert mit Claudio Abbado, das wegen der Brandfolgen in die Waldbühne verlegt wurde, befragten wir Berliner Philharmoniker zu ihrem Verhältnis zu ihren Instrumenten.

Der Solo-Flötist:

Als das Feuer ausbricht, ist Emmanuel Pahud schon in der Philharmonie, um seine E-Mails abzurufen. Jemand von der Haussicherheit schreit: „Alles raus!“ Pahud denkt zuerst nicht an seine sieben Flöten, darunter drei Piccoloflöten und eine Goldflöte. Da man von innen nicht sieht, was passiert, will er raus und sich ein Bild machen. Nach einer halben Stunde rennt er mit anderen Musikern wieder rein, um die Schlüssel für die Schränke und die Instrumente zu holen. So rettet er auch die wichtigste seiner Flöten, die Goldflöte Brannen Cooper. Er hat sie für rund 20 000 Euro in Boston gekauft, wo mehr als die Hälfte aller weltweit verkauften Flöten hergestellt werden – die andere Hälfte kommt aus Japan. Einen „penetranten, dunklen, ranzigen Charakter“ habe sie, zugleich strahlend, aber nicht hell. Pahud liebt es, die ganze Bandbreite an Farben aus seiner Flöte rauszukitzeln. Er vermutet, dass er ein ähnliches Verhältnis zu ihr habe wie Michael Schumacher zu seinem Ferrari: Sie sind miteinander durch dick und dünn gegangen. Die Goldflöte ist seit 20 Jahren seine treueste Begleiterin: „Ich bin mit ihr groß geworden. Obwohl sie keine Person ist, ist sie beseelt.“

Der Solo-Cellist:

In Berlin wird ja täglich irgendwo demonstriert. Und so wundert sich Ludwig Quandt, als er von der S-Bahn kommt, zunächst gar nicht über die Menschenmenge vor der Philharmonie. Erst als er bekannte Gesichter aus der Verwaltung erkennt, merkt er, dass dies keine Demo ist. Dann die schlagartige Erkenntnis: „Ein Brand! Und mein Cello ist da drin!“ Er weiß, dass er sich selbst um sein Instrument kümmern muss. Als klar ist, dass keine Lebensgefahr besteht, geht er gegen den Widerstand der Feuerwehr hinein, holt das Cello und kommt sofort wieder raus. Das dauert kaum eine Minute. „Danach hatte ich weiche Knie. Aber ich wusste, jetzt kann dem Instrument nichts mehr passieren.“ Es wäre das Ende einer 15-jährigen Beziehung gewesen – so lange spielt Quandt auf seinem vor genau 333 Jahren vom Stradivari-Nachbarn Francesco Ruggieri in Cremona erbauten Cello. Es ist für ihn emotional wie rational von allergrößter Bedeutung, er weiß, welch große Tragkraft es besitzt und wie mühelos es gegen das Orchester ankommt. Zugleich ist es für ihn wie ein Kind, das er ständig vor Gefahren schützen möchte – und sei es die Rettung aus einem brennenden Haus.

Die Violinistin:

Für Cornelia Gartemann ist es zunächst nicht ganz so schlimm. Ihre Geige befindet sich, als das Feuer ausbricht, sicher zu Hause. Vom Brand erfährt sie durch einen Anruf ihrer Schwester Julia, die bei den Philharmonikern die Bratsche spielt. Sie fährt sofort zur Philharmonie, sieht den Qualm und denkt fassungslos: „Das kann nicht sein.“ Ihre Musikerkollegen versuchen, in das Gebäude zu gelangen und die Instrumente zu bergen. Ihr bleibt nur zu hoffen, dass der große Saal nicht betroffen ist. Nachdem sich diese Hoffnung erfüllt hat, wird sie dort bald wieder spielen können auf ihrer rund hundert Jahre alten englischen John-Lott-Geige. Einen „dunklen, facettenreichen, energiegeladenen Klang“ habe das Instrument, „nicht nur schön, warm, weich und wolkig, sondern von allem etwas, eine bunte Persönlichkeit“. Von dieser Persönlichkeit wird die 31-Jährige nun schon seit ihrem 16. Lebensjahr begleitet – eine wandelbare Partnerschaft mit Höhen und Tiefen. „Wenn es einem nicht so gut geht, sperrt sich auch das Instrument, mit dem man ja seine Gefühle ausdrückt. In diesen Momenten ist es kein Freund.“ Da verhalten sich Geigen offenbar auch nicht anders als menschliche Partner.

Der Oboist: Dominik Wollenweber hat Stress: Weil bei ihm zu Hause gerade umgebaut wird, befinden sich seine fünf Instrumente, zwei Englischhörner, zwei Oboen und eine Oboe d’Amore, in der Philharmonie. Er fährt sofort hin. Schnell ist klar, dass es nur unterm Dach brennt und Löschwasser die größte Gefahr darstellt. Als er sieht, wie andere Musiker ihre Instrumente holen, geht auch er rein. Eines der beiden Englischhörner ist für ihn unersetzlich, sein Verlust wäre eine Katastrophe. Er hat es vor 15 Jahren bei der Pariser Firma Lorée, dem ältesten noch existierenden Oboenbauer der Welt, für rund 8000 Euro gekauft. Anders als bei Geigen steigt der Wert von Oboen nicht mit dem Alter, die Spieler legen sich meist neue zu. Trotzdem gewöhnen sie sich an ein bestimmtes Instrument. Wollenwebers Beziehung zu dem Instrument würde er kämpferisch nennen. Die körperliche Anstrengung ist hoch, man muss viel Kraft und Energie investieren, damit der Ton kommt. Liebt er es? Wollenweber überlegt kurz. „Es gehört zu mir wie der Rest meines Körpers.“

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