Berlin : Picknick in Blau

Zum zwanzigsten Mal konzertierten die Philharmoniker in der Waldbühne. Mit Gershwin, Oliven und Flugzeuggrollen erlebten Fans einen magischen Abend

Elisabeth Binder

Es gibt sie doch noch, die kleinen Unterschiede. In der S-Bahn auf dem Weg zum traditionellen Sommerkonzert der Philharmoniker in der Waldbühne sitzt gegenüber ein Paar. Aus dem Gespräch geht hervor, dass es sie aus Bonn hierher verschlagen hat und dass sie ebenfalls in die Waldbühne wollen. Aber sie haben absolut nichts dabei. Er trägt sein Jackett am Finger über die Schulter geworfen, sie am Armgelenk ein schrippengroßes Handtäschchen. Sonst nichts. Kein Rucksack, keine Kühlbox, keine Thermotasche. Keine Sitzkissen, keine Wetterjacke, keine Wolldecken. Keine rosa Plastikbecher für den Barolo, keine Senfgläser, keine Buletten. Kein Korb, der nach Eiersalat duftet und aus dem Servietten und Kerzen herauslugen. Nicht mal eine Thermoskanne mit Riesling.

Wahrscheinlich waren die beiden auch zu fein, um dem Toyota-Mann Teelicht und Feuerzeug abzunehmen, die er so werbeträchtig vor dem Eingang verteilte. Und da sie ganz stilvoll aussahen, haben sie hoffentlich nicht gleich hinterm Eingang den Picknickhändlern eine Tüte Popcorn abgekauft. Popcorn bei den Philharmonikern! Fallen nun die letzten Bastionen des Bürgertums an die Teenie-Kultur? Immerhin: Die ebenfalls rituellen La-Ola-Wellen des Publikums beantworten die Philharmoniker ihrerseits mit einer La Ola. Beim letzten Konzert vor den Ferien ist die Stimmung so.

Für Einsteiger, wie das Paar vom Rhein, mag das alles ein wenig schwer zu verstehen sein. Dabei gibt es immer wieder auch etwas Neues. „The Berlin Philharmonic Jazz Group“ vertonte das dem eigentlichen Konzert vorangehende Massenpicknick mit exquisitem Jazz. „Summertime“ in jeder Hinsicht. Tolle Idee und vielleicht ein Anfang. Kommen nächstes Jahr die zwölf Cellisten zum Zuge?

Nun ja, im Fernsehen sieht man mehr, dafür spürt man live die Berliner Luft und kann sich immer wieder neu über den unsichtbaren Dirigenten wundern, der jedes herannahende Flugzeuggrollen so terminiert, dass es auf seinem Höhepunkt unweigerlich mit einem Pianissimo zusammenfällt. Dem Dirigenten Ozawa war selbst von weitem anzusehen, wie viel Spaß auch ihm die Waldbühne macht.

George Gershwin gab ein ideales Programm, um in die Ferien überzuleiten. Standing Ovations für „Concerto in F“, „An American in Paris“ und „Rhapsody in Blue“. Mit einem bemerkenswerten Piano-Solo von Marcus Roberts: Das gleichnamige Trio wurde begeistert aufgenommen. Immer häufiger nicht aufhaltbarer Beifall zwischen den Sätzen. Hier geht auch das. Beschwingende Zugaben wie „I got Rhythm“.

Ob die jedes Jahr so artig vor der Bühne spielenden Kinder wohl vom Fernsehen angeheuert sind? Wenn die Karten noch mehr Preissprünge machen, wird die Fernsehgemeinde demnächst wohl noch ein bisschen größer werden. Begegnungen mit einigen der raubautzigsten Security-Kräften der Stadt fielen dann weg. Obwohl das Problem wohl erkannt ist: Man stellt inzwischen für die Sicherheit deutlich mehr Frauen ein, die nicht so leicht überfordert reagieren, wenn’s mal ein bisschen stressiger wird. Dabei ist das Publikum doch sehr diszipliniert, zelebriert die modische Devise „Vereinfache dein Leben“ inzwischen sogar hier. Der Kühlboxen-Parkplatz am Eingang war viel leerer als sonst, und auf den begehrten Plätzen an den Mauern fehlte teils sogar das frisch gestärkte Tafel-Leinen; nur noch wenige hatten Kandelaber mitgebracht.

Trotz des schönen Konzerts: Es gibt Leute und nicht zu wenige, die gehen wegen einer einzigen Arie in die Oper – und ins Waldbühnen-Konzert der Philharmoniker vor allem wegen der „Berliner Luft“ am Schluss des Abends. (Wenn man Marketing-Chef der Philharmoniker wäre, könnte man natürlich ein Video aus zwanzig Mal Berliner Luft mit verschiedenen Dirigenten zusammenstellen und auf diese Weise wahrscheinlich einen Kult-Seller schaffen.) Man kann nur hoffen, dass das Bonner Pärchen nicht aus schnöden Vernunftsgründen („morgen früh raus“) vor der allerletzten Zugabe gegangen ist. Um die vor allem geht es nämlich bei diesem Konzert.

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