Berlin : Picknick zur Partitur

Seit 50 Jahren gibt es den Choriner Musiksommer – heute beginnt die neue Saison. Die Gäste schätzen die besondere Atmosphäre bei den Konzerten berühmter Orchester und Chöre.

Claus-Dieter-Steyer[Chorin]

Die eine Hälfte bevorzugt das festliche Kleid und den dunklen Anzug, die andere kommt einfach in T-Shirt und kurzer Hose. Doch alle hören dieselbe Musik und amüsieren sich unabhängig von der gewählten Garderobe prächtig. Der Choriner Musiksommer in der Klosterruine und auf dem großen Rasen davor sucht als Sommerereignis in der ganzen Region seinesgleichen. Am heutigen Sonnabend beginnt in dem kleinen Ort, rund 70 Kilometer nordöstlich Berlins hinter Eberswalde gelegen, die 50. Auflage dieses Festivals. Das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt (Oder) spielt die Bühnenmusik zur Shakespeares „Sommernachtstraum“ von Felix Mendelssohn Bartholdy.

„Bei uns ist jede Kleiderordnung erlaubt“, versichert die stellvertretende Geschäftsführerin des Musiksommervereins, Kerstin Schlopsnies. „Nur in Badehose oder Bikini sehen wir die Besucher dann doch nicht so gern.“ Dafür aber könne sich jeder so viel Essen und Trinken einpacken, wie er gern möchte. Niemand schaue wie bei anderen Freiluftveranstaltungen in die Taschen oder Rucksäcke und beschränke die Mitnahme von Getränken. Bei den Berliner Philharmonikern heute Abend in der Waldbühne sind beispielsweise nur Plastikflaschen bis 0,5 Liter Inhalt erlaubt. Ausdrücklich sind „sperrige Gegenstände, Glas oder Dosen nicht gestattet“.

„Wir laden die Gäste ja geradezu zum Picknick auf dem Rasen vor dem offenen Kirchenschiff ein“, sagt Kerstin Schlopsnies. „Vor allem Familien und Gruppen fahren auf den Decken dann manchmal üppige Buffets auf, während sich andere mit einer Flasche Wein oder Kaffee und Kuchen begnügen.“ Wer will, kann sich auch an den Angeboten auf dem Klostergelände selbst bedienen, das von Bockwurst mit Stulle bis zum Wein mit Canapés reicht. Immerhin 800 der insgesamt 2000 Plätze befinden sich auf dem Rasen, wobei es manchmal durchaus etwas eng zugehen kann. Aber die Musik besänftigt alle Gemüter.

Diese ungewöhnliche Atmosphäre macht von jeher den besonderen Reiz des Musiksommers aus. Schon beim ersten Konzert am 23. Mai 1964 sollte es locker zugehen und die „scheinbar erhabene ernste Musik mit heiterer Entspannung verknüpfen“, wie es sich der damalige Direktor des Institutes für Forstwissenschaften in Eberswalde wünschte. Unter dessen Verwaltung stand damals das Kloster. Aus dem „Beitrag zur Bereicherung des kulturellen Lebens im Institut“ entwickelte sich im Laufe der Jahre eine weit über die Region hinaus bekannte Veranstaltungsreihe mit anfangs einem Konzert pro Jahr. Ab 1970 stieg deren Zahl auf jährlich 13, die im Schnitt von rund 1300 Gästen besucht wurden. Später meldeten die Veranstalter dann oft ein mit 2100 Plätzen „ausverkauftes Haus“. Der Dresdener Kreuzchor begeisterte ebenso die Zuhörer wie der Thomanerchor aus Leipzig, das Bolschoi-Theater aus Moskau oder Chöre aus Finnland und Österreich.

Bis heute engagieren sich viele in ihrer Freizeit für das Ereignis. Einige ehemalige Institutsmitarbeiter sind sogar seit dem ersten Musiksommer dabei. Andere haben ihre Kinder und Enkel von der Idee der Musik im einstigen Zisterzienserkloster angesteckt. Dank dieses Engagements gelang auch die Fortsetzung des Musiksommers nach der Wende 1989/90. Obwohl das Forstinstitut als Träger und Geldgeber aufgelöst wurde, konnte die Konzertreihe dank eines neuen Vereins weitergehen. Inzwischen hat die Gemeinde Chorin die Trägerschaft übernommen, die auch einige Fördermittel einwerben konnte. Sonst wären Auftritte der Regensburger Domspatzen, des Orchesters der Deutschen Oper Berlin oder des Gustav-Mahler-Jugendorchesters aus Wien gar nicht möglich. Doch die Künstler finden offenbar auch viel Vergnügen an der ungewöhnlichen Akustik im Kirchenschiff und am Blick auf die Picknickwiese zu ihren Füßen.

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