Berlin : Piercings in Mittelerde

Holger Wild

Mittelerde - das ist ja quasi wie Mittelalter. Und deshalb müssen natürlich zur Filmpremiere des "Herrn der Ringe" die Angestellten des "Cubix"-Kinos am Alexanderplatz in langen Leinenröcken, Wämsen, geschnürten Hosen und Blusen herumlaufen. Auf dem Boden liegt Laub ausgestreut, das raschelt schön, und über Gebläsen flattern Stoff-Fetzen in flammendem Licht wie Fackeln. Jungfern reichen die bekannt elbische Kost "Tacos" und "Bouletten"; so genannte Barden spielen mit Tuten und Pfeifen auf; irgendwo soll auch der unvermeidliche "Gaukler" die Leute behelligen. Oh ja, die Kino-Betreiber haben sich um "Ambiente" bemüht. Obwohl es doch klar sein müsste, dass diese ganz und gar rechtwinkligen Räume nie und nirgendwo in Mittelerde aufzufinden wären, da mag die Rolltreppe nach oben noch so sehr von zwei Reisigen mit Hellebarden bewacht sein.

Mittelerde. Um es für alle Unkundigen nochmal kurz zu sagen: Mittelerde ist die Welt, in der das Fantasy-Epos "Der Herr der Ringe" spielt, wo Elben wohnen und Zwerge und Menschen und Hobbits und Orks auch und Trolle und jede Menge mysteriöses Geziefer. Seit Monaten fieberte die nach -zig Millionen zählende weltweite Fan-Gemeinde dem Filmstart entgegen, am Mittwochmorgen kurz nach Mitternacht war es in Berlin soweit. Nicht nur im "Cubix" - doch hierhin hatte der rührige Fan-Artikel-Vertreiber "Elbenwald" geladen, und Freunde und Geistesbrüder aus halb Mitteleuropa waren gekommen.

Dort etwa, ein Jüngling in elbischer Tracht, bei zwei Maiden in wallendem Tuch. Als "Celeborn" stellt er sich vor, König im Goldenen Wald (von dem nirgends berichtet ist, er trage ein Augenbrauenpiercing). Seine Gefährtinnen nennen sich "Varuna" und "Steffi". Wer das sein solle? Och, niemand eigentlich - Steffi hat das Buch gar nicht gelesen, will aber mit Schwester und Schwesterfreund "nachher noch um die Häuser ziehen". Nun, ihre Aufmachung dürfte selbst in Berlin Aufsehen erregen.

Oder dort der Herr in grob gewebtem Kapuzenmantel, mit qualmender Pfeife und hohem Stab - das ist doch gewiss Gandalf, der Zauberer? Und bei ihm der kleine Stämmige im Kettenhemd, das muss Gimli sein, der Zwerg. Gefehlt! Raistlin werde er genannt, sagte der erste, seines Zeichens Magier aus dem Rollenspiel "Drachenlanze"; doch sein eigentlicher Name laute Sirmaàn. Der andere gibt wenigstens zu, Zwerg zu sein, aber - "wie könnte ich wagen, mich Gimli zu nennen!" - man heiße ihn Weißbier, König unter dem Kaltenberg. Oh vielgestaltig ist die Welt der Weltflüchtigen!

Nun aber schnell noch zum Stand von Elbenwald, dem Herrn-der-Ringe-Sortimenter. Dort werden Spiele feilgehalten, Puzzles und Briefpapier, Schwerter, Krüge und die in Mittelerde noch kaum verbreiteten, deren verzopfte Mode aber entschieden voranbringenden Base-Caps. Und da liegt auch er, der Ring der Macht, der Eine, der Herr der Ringe selbst, in Gold und mit der verfluchten Gravur des Schwarzen Herrschers. Frei verkäuflich! Sogar an Jugendliche - dabei ist doch bekannt, dass dieser Ring nicht bloß unsichtbar macht, sondern noch den lautersten Recken unwiderstehlich ins Böse zwingt. Doch, er habe schon einige verkauft, trumpft der gewissenlose Hökerer auf: "Und ist hier etwa jemand unsichtbar?!"

Nun ja. Wer weiß?

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