Berlin : Pinseln und kleistern – abwaschbar

Auf ihre geheimnisvollen Botschaften trifft man überall in Mitte: Unterwegs mit den Straßenkünstlern Sp 38 und 4rtist.com

André Glasmacher

Ohne Plastikeimer verlassen die beiden Straßenkünstler selten das Haus. Der eine, ein Franzose, nennt sich „SP 38“; der andere, ein Deutscher, „4rtist.com“. Ihre bürgerlichen Namen wollen sie nicht verraten. Beim Deutschen ist weiße Kalkfarbe im Eimer, beim Franzosen Kleister.

Mit dem Kleister plakatiert der Franzose Papierbahnen, auf denen Slogans wie „Vive la Bourgeoisie“ stehen; mit der Kalkfarbe malt der Deutsche die Zahl Sechs. Viele Sechsen, bis zu 600 000 sollen es über die Jahre in Mitte gewesen sein, schätzt der Street-Artist, der vor elf Jahren aus der Pfalz nach Berlin kam.

Meist ist der Deutsche in der Invalidenstraße anzutreffen. Dort arbeitet er an seinem aktuellen Projekt: dem „Invalid- Beach“, einer betonierten Baugrube zwischen zwei Häusern. Eisenstreben rosten, und auf dem Grund steht Wasser, in dem Betonplatten Inseln bilden.

Hier befinden sich mehrere Installationen, wie beispielsweise ein bemaltes Fahrrad oder ein großer Stoffbär, mit einer Sechs auf den Bauch gepinselt. Die Zahl sei aber noch der geringste Nenner, sagt er: „Die lässt sich eben gut malen und ich erreiche so viele Leute, weil die etwas Sexuelles dahinter vermuten.“ Was so falsch nicht ist, denn „4rtist.com“ ist für mehr Sex. Die Zahl hat er sich auch auf den Mittelfinger tätowieren lassen: Dies sei früher sein Ausweis gewesen, weil er sich da noch „Sechs“ nannte.

Der deutsche Street-Artist hat eine Mission, die Farbflecken auf seiner Goretex-Jacke zeugen davon: Er möchte mit seinen Installationen „auf die Möglichkeiten höherwertiger Lösungen hinweisen, die durch intensives Nachdenken zu erzielen wären.“ Die Fahrradskulptur etwa sei eine Aufforderung, Autos abzuschaffen: „Es gibt jedes Jahr zig Verkehrstote, und die Umwelt leidet unter den Abgasen.“ Ein weiterer Aspekt ist die PC-Technik, mit der sich der Gebrauch des Computers rationalisieren lasse, genauer stehe es auf der Homepage – die Adresse ist in Mitte an jeder Ecke gepinselt: „1cm.de“, wie etwa neben dem U-Bahneingang Rosenthaler Platz.

Da die beiden Aktionskünstler, Deutscher wie Franzose, in der Öffentlichkeit arbeiten, hatte sie die Polizei schon früh im Visier. Sie legen aber Wert drauf, nichts zu beschädigen: „Ich male nur auf illegalen Plakaten, Bruchmauern oder Baustoffen. Die weiße Kalkfarbe lässt sich leicht entfernen und die Installationen bestehen aus Sperrmüll, den ich in der Straße finde“, verteidigt sich der Deutsche. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten, wie Geldbußen und der Beschlagnahme diverser Farbeimer, kennen ihn jetzt die Behörden: „Die wissen, dass ich nichts strafrechtlich Relevantes mache.“

Auch der Franzose wird inzwischen in Ruhe gelassen: „Die sehen ja, dass ich nur auf alte Mauern klebe.“ Sein Künstlername spiele ja auch auf die Polizei an, stände für „Special Police.“ Der Mann lebt nicht zufällig gerade in Berlin. „Die Stadt hatte hier schon immer bei Street-Artisten einen legendären Ruf.“ An den Eindruck, den vor allem Mitte bei seiner Ankunft auf ihn machte, erinnert er sich noch gut: „Es war wie ein Kriegsgebiet: die Straßen stockfinster, ein Sturm tobte.“ Die bröckelnden Fassaden und Mauern hätten nach Poesie verlangt, sagt er. Seitdem klebt er seine Botschaften: einfache Slogans, mit dem Pinsel auf weiße Papierbahnen geschrieben. Seit etwa einem Jahr tapeziert er in Mitte das Bürgertum mit dem Slogan „Vive la Bourgeosie“ an die Wände. Auslöser war die Renovierung der Polizeistation in der Brunnenstraße: „Als dort renoviert wurde, wusste ich, dass jetzt die Bourgeosie kommt.“ Seitdem beklagt er das Verschwinden seines künstlerischen Lebensraumes: „Berlin könnte so langweilig wie Paris werden.“

Da Mitte klein ist, treffen sich die beiden Künstler häufig. Sie respektieren sich gegenseitig und unterhalten sich auch einmal länger. Von dem Anti-Graffiti-Kongress, der neulich im Roten Rathaus stattgefunden hat, erwarten sie keine Auswirkungen auf ihre Arbeit. Der Franzose weiß: „Graffiti wird es immer geben“; der Deutsche sieht es ähnlich. Und dann sprayen beide ja nicht mit Farbe, sondern kleistern und pinseln – abwaschbar.

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