Berlin : Pioniere, Trabbis, Kohlenhändler

Das „Blow up“ zeigt einen Dokumentarfilm über die Auguststraße der 70er

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Das hatten wir schon fast vergessen, was da realsozialistisch in Schwarz-Weiß über die Leinwand flimmert: die Auguststraße in der Spandauer Vorstadt von Mitte – still, fast beschaulich, dem Vergessen preisgegeben mit den Fassaden, die schon die Blattern haben und immer noch die Einschüsse vom April 1945. Der Progress-Filmverleih hat den Defa-Dokumentarfilm von 1979 „Berlin Auguststraße“ (Buch und Regie: Günter Jordan) in seine Reihe „Im Sucher: Berlin“ aufgenommen und zeigt ihn noch bis 19. April im „Blow up“ in Prenzlauer Berg. Mangelnde Tonqualität, ein kaum erkennbarer roter Faden und wenig Neigung, die spannende Geschichte dieser Straße zu erforschen, machen die Ansicht dieser 79 Minuten nicht immer zur reinen Freude; die Akteure hingegen, damals Schulkinder und heute über 40, dürften viel Spaß haben, wenn sie noch einmal erleben, wie sie, von der Schule kommend, über ihre Pionierarbeit diskutieren oder alte Gläser sammeln und dabei an Häusern vorbeilaufen, von denen der Putz auf die Straße fällt. Die sozialen Annehmlichkeiten, das Klo von der halben Treppe tiefer in die Wohnung zu verlagern, sind zu der Zeit soziale Träume für die selbstbewussten Mädchen und Jungen, die uns die Große Hamburger und die Oranienburger Straße, den Hackeschen Markt samt Dom und Spree von damals zeigen – interessant, wie das alles vor einem Vierteljahrhundert aussah. Da tragen noch die Kohlenhändler Briketts in die Häuser, am Straßenrand ist viel Platz für die wenigen Trabbis, die Hinterhöfe sind ein Spielparadies in der um 1700 angelegten Straße. „Armesündergasse“, „Armengasse“, „Hospitalstraße“ hieß sie einst, seit 1833 trägt sie den Namen des Prinzen Friedrich Wilhelm Heinrich August.

Jetzt könnte man die Straße mit den vierstöckigen Altbauten, von denen die meisten inzwischen in die Rubrik „Blühende Landschaften“ gehören, als „Galerienmeile“ bezeichnen, nicht von ungefähr sorgt hier noch bis Ende Mai die 4. Biennale für zeitgenössische Kunst für internationalen Zulauf. „Die Straße ist fertig und unfertig zugleich, das gefällt mir“, sagt eine Italienerin. Neue Bewohner mischen sich mit den alten, Lofts und ausgebaute Dachgeschosse machen das Wohnen attraktiv. „Dies ist eine der wenigen wirklich urbanen Regionen in Deutschland“, sagt Galerist Peter Dittmar, „die Straße liegt zentral, aber ist auch beschaulich, manche Brache wartet noch auf die Erweckung. Hier ist es spannend. Und: Es geht voran.“ Lo.

„Berlin Auguststraße“, bis 19. April 17.30 im „Blow up“, Immanuelkirchstr 14.

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