Berlin : Plakataktion: "Die hängen höchstens einen Tag"

Otto Diederichs

Wir werden den harten Kern isolieren und auf die Lichtung treiben", hatte Innensenator Eckart Werthebach (CDU) kurz nach den Auseinandersetzungen am 1. Mai erklärt. Nun hat Polizeipräsident Hagen Saberschinsky die Drohung seines Senators umgesetzt und 16 000 Plakate mit mutmaßlichen Steinewerfern drucken lassen. Seit Donnerstag hängen diese in allen Polizeidienststellen. In den kommenden Tagen verteilen Kontaktbereichsbeamte die Plakate auch an Ämter und andere öffentliche Gebäude. Einzelne Plakate wurden an die übrigen Länderpolizeien und an das Bundeskriminalamt geschickt. Auch im Internet sind die Fotos zu sehen. Grundlage bilden die polizeilichen Videoaufzeichnungen vom 1. Mai.

85 junge Männer und Frauen werden nun als Straftäter gesucht, pro Person ist eine Belohnung von 1000 Mark ausgesetzt. Erstmalig greift die Berliner Polizei damit in solcher Größenordnung auf ihre Videodokumentationen zurück. "Wir haben uns schon im Vorfeld verstärkt Gedanken um den Videobeweis gemacht", sagt Jürgen Thiele vom Staatsschutz. Zu jeder Person gebe es eine "beweisfähige Kette. Es ist keiner darunter, dem nicht konkret ein Stein- oder Flaschenwurf nachgewiesen werden könnte".

Überwiegend wurden die Aufnahmen am Nachmittag des 1. Mai rund um Mariannenplatz gemacht. Für die Öffentlichkeitsfahndung gebe es in der Strafprozessordnung eine eindeutige Rechtsgrundlage, sagt Thiele, denn bei den Vorwürfen handele es sich um "Straftaten von erheblicher Bedeutung". Zudem wolle man insbesondere bei den "erlebnisorientierten Jugendlichen" eine abschreckende Wirkung erzielen.

Die Reaktion der Bevölkerung sei positiv. Bereits nach dem ersten Tag habe es viele Hinweise gegeben, die nun ausgewertet würden. Auch innerhalb der Polizei gebe es durchweg Zustimmung zu der Plakataktion, sagt Klaus Eisenreich von der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Unter den Beamten habe es zuvor massive Kritik gegeben, weil der Eindruck entstanden sei, es werde zu wenig getan, um die Randalierer dingfest zu machen. Auch die ausgesetzte Belohnungssumme von insgesamt 85 000 Mark sei "eine lohnende Ausgabe".

"Wer einen Stein schmeißt, begeht einen Tötungsversuch, und dem muss der Staat deutlich die Grenzen aufzeigen", sagt Eisenreich. Zustimmung kommt auch vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. Landeschefin Heike Rudat sieht in den Plakaten "eine gute Chance, Gewalttäter von der Masse zu lösen". Dabei sei man auf die Hilfe der Bevölkerung angewiesen. "Wenn wir hier erfolgreich sind", sagt sie, "ist das ein probates Mittel für die Zukunft". Als Bankrotterklärung der üblichen Ermittlungsmethoden will niemand die Aktion gelten lassen. Man könne sich ja "nicht im gesamten Stadtgebiet die Leute ansehen", sagt der Staatsschützer Thiele. Bedenken hat lediglich die Initiative Pro-Police. "Mein Polizistenherz ist hier gespalten", sagt Dietmar Hübner. Dennoch sehe er in dieser Fahndung eher eine "Eskalationsstrategie mit der das Problem der Mai-Randalen eher verschärft als gelöst" wird. Otto Diederichs

Im Rathaus Kreuzberg sind die 85 Bilder mutmaßlicher Steinewerfer, verteilt auf vier Plakate, noch nicht gehängt. Tausend Mark erhält, wer einen der Abgebildeten identifiziert und so zu dessen Verhaftung beiträgt. Doch die Kreuzberger wissen, wie sie sich zu verhalten haben: "Nie im Leben würde ich jemanden anzeigen", sagt ein Taxifahrer aus der Gneisenaustraße, "nicht mal für zehntausend Mark". Die Polizei wolle mit der Plakat-Aktion nur ihr eigenes falsches Vorgehen gegen friedliche Demonstranten am Mariannenplatz rechtfertigen. Davon ist der Mann überzeugt.

Damit trifft er ziemlich genau die Stimmung in Kreuzberg. Sei es am gutbürgerlichen Chamissoplatz, im ehemaligen Autonomen-Treff "Ex", das jetzt brasilianisch "Muvuca" heißt und mit bunten Cocktails wirbt, oder am Tatort, rund um die Adalbertstraße. "Die Plakate hängen sowieso höchstens einen halben Tag", meint eine Buchhändlerin aus der Oranienstraße. Weil sie sofort abgerissen oder übersprüht würden. Auch für sie wäre eine Anzeige unvorstellbar - "ich bin doch nicht verrückt!" Es handle sich bei den Fahndungsfotos um eine rechtlich fragwürdige Verleumdung und Vorverurteilung. Sie kennt auch keinen, der sich bei der Polizei melden würde. Im Comicladen nebenan hat man noch nichts von der Aktion gehört, bildet sich jedoch unverzüglich eine Meinung. "Da kann ja jeder jeden anzeigen", befürchtet ein Kunde, "wer sich letztes Jahr mit dem Nachbarn geprügelt hat, kann ihm jetzt anonym eine reinwürgen." Das sei schon "ein starkes Stück". Eine türkische Kellnerin wird ebenfalls keine Hinweise geben. "Das wäre mir zu doof", sagt sie, ohne lange zu überlegen.

Die Polizei unterschätzt offenbar die Solidarität im Bezirk angesichts der hochoffiziellen Aufforderung zum Petzen. Bisher sind laut Polizei rund 30 Hinweise eingegangen, die nun "geprüft" werden. "Manche tun für Geld eben alles", meint ein Wirt am Chamissoplatz ironisch, "wenn man viele erkennt, kann man ja reich werden". Aber verraten - nein, verraten würde er niemanden, niemals. Auf seinem Tresen steht, wie in vielen Kreuzberger Kneipen, eine Sammelbüchse "für die Freilassung von Axel, Harald und Sabine", ehemalige Mitarbeiter des Mehringhofs, die als mutmaßliche Mitglieder der "Roten Zellen" bei einer Razzia im Dezember 1999 verhaften worden waren. Andere sind aus anderen Gründen weit entfernt vom Gang zur Polizei: "Vielleicht bin ich sogar auf den Plakaten abgebildet, mal gucken", sagt gutgelaunt eine Besucherin des "Muvuca", bevor sie einen Schluck Caipirinha nimmt. Und ein Student sieht das Ganze bewährt gesamtpolitisch: "Es ist absurd, Menschen zu kriminalisieren, nur um von den wirklichen Problemen und der ganzen Bank-Affäre abzulenken."

Doch vereinzelt sind sogar in Kreuzberg Freunde und Helfer der Polizei anzutreffen. Der Rathauspförtner in der Yorckstraße etwa wäre zu gerne bereit, seiner staatsbürgerlichen Pflicht nachzukommen. "Wir können uns das in Kreuzberg nicht mehr bieten lassen", sagt der Mann ohne Zögern. "Ich würde alle anzeigen - aber leider habe ich keinen erkannt." Katharina Körting

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