Berlin : Plakate gegen Zwangsehen

Neukölln startet Kampagne für die Selbstbestimmung von Frauen

Sabine Beikler

„Liljana ist 14. Schon dreimal waren Männer da, die sie heiraten wollten. Sie ist ein schönes Mädchen, ihr Brautpreis ist hoch. Aber sie sagt: Ich will nicht verkauft werden wie eine Kuh!“ – „Kübra ist 15. Wenn sie 16 ist, soll sie ihren Cousin heiraten, der aus der Türkei nach Deutschland kommen will. Kübra will ihrem Cousin gern helfen, aber sie liebt ihn nicht.“ Die Namen auf dem Faltblatt des Bezirksamtes Neukölln mögen frei erfunden sein – die Berichte über Zwangsverheiratungen sind Realität. Als erster Berliner Bezirk startet jetzt Neukölln eine Kampagne gegen Zwangsehen. „Niemand soll stigmatisiert werden. Wir wollen aber das Bewusstsein schärfen, dass hier lebende Frauen, Mädchen und Jungen ein selbstbestimmtes Leben führen können“, sagt Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD).

Über 1000 Plakate mit dem Titel „Wer entschiedet, wen Du heiratest?“ und die Faltblätter werden in der kommenden Woche in Migrantenvereinen, Beratungsstellen, Schulen und auf der Straße aufgehängt und verteilt. Der Senat unterstützt die Kampagne und wünscht sich Nachahmer in anderen Bezirken. „Zwangsehen sind kein Tabuthema. Sie sind verboten und Menschenrechtsverletzungen“, sagt Senatssprecher Michael Donnermeyer.

Genaue Zahlen über Zwangsehen in Berlin gibt es nicht. Nach einer Senatsumfrage in 50 Jugend- und Beratungseinrichtungen wurden im Jahr 2002 rund 230 Fälle von Zwangsverheiratungen aktenkundig. „Ja, Zwangsehen sind hier ein Thema“, sagt Gabriele Heinemann, die seit 1981 „MaDonna“ leitet, einen Treff für arabisch- und türkischstämmige Mädchen im Neuköllner Rollbergviertel. 50 bis 60 Mädchen besuchen täglich den Treff. Heinemann schätzt, dass zehn bis 15 von ihnen mit dem Thema Zwangsehen konfrontiert werden. Zweimal im Jahr erfährt sie auch von Morddrohungen gegen junge Frauen. „Dieses Gefühl der Bedrohung reicht aus, um die Mädchen unter Druck zu setzen“, sagt Heinemann.

Mustafa Akcay vom Deutsch-Türkischen Zentrum unterstützt die Kampagne, fordert aber „Fingerspitzengefühl“, um auch „konservative Kreise“ unter Migranten anzusprechen. Zwangsehen dürfe man zwar nicht dulden, doch sei der Anteil „nicht so groß“. Für Nazar Mahmood vom Arabischen Kulturinstitut gehören Zwangsehen „nicht zum Lebensalltag. Das ist eine Menschenrechtsverletzung“. Auch Mahmood warnt vor „Übertreibungen“.

In einer Studie des Familienministeriums von 2004 gaben rund 40 Prozent der befragten türkischstämmigen Migrantinnen an, Zwangs- oder arrangierte Ehen eingegangen zu sein.

Mehr Informationen zur Kampagne:

www.zwangsheirat.de

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