Berlin : Plakativ gegen rechts

Prämierte Arbeiten von Schülern in S- und U-Bahnhöfen zu sehen

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Eigentlich wollte Nora Fritz ein ganz anderes Motiv für den Plakatwettbewerb wählen. Ganz nah und von vorn wollte die 21-jährige Schülerin des Oberstufenzentrums Holztechnik in Treptow-Köpenick ihren afrikanischen Schulkameraden fotografieren. Doch der junge Mann und seine Ehefrau bekamen Angst, dass sie Ziel für rassistische Übergriffe werden könnten, wenn das Plakat gewinnt. Das habe ich dann spontan zum Thema genommen“, sagte die Schülerin Nora Fritz, die sich mit ihrer Arbeit beim Wettbewerb „Opfer von rechter Gewalt brauchen Hilfe“ beteiligte. Jetzt ist ihr afrikanischer Freund nur von hinten zu sehen, wie er ängstlich vor einer Mauer steht.

Genau für dieses Motiv erkannte ihr die Landeskommission, die „Berlin gegen Gewalt“ ausgeschrieben hatte, den ersten Preis zu. Das war 2005, als 13 Plakate prämiert und ausgestellt wurden. „Das Thema ist aber aktueller denn je, deshalb haben wir uns entschieden, die Plakate noch einmal aufzuhängen“, sagt Jugendstaatssekretär und Vorsitzender der Landeskommission Thomas Härtel. Aus diesem Grund brachte er am Montagmittag zusammen mit Nora Fritz das Siegerplakat am U-Bahnhof Mohrenstraße an. Über 490 Plakate werden in den kommenden 22 Tagen in zahlreichen S- und U-Bahnhöfen zu sehen sein. Die Arbeiten stammen von Schülern der Jahrgangsstufen sieben bis 13.

Zu finden ist auf den Plakaten auch ein Hinweis auf den Verein „Reach Out“. Er berät Opfer von rechter Gewalt und dokumentiert die Übergriffe. „Die Zahl der rechten Gewalttaten in Berlin ist in den vergangenen Monaten stark gestiegen“, sagte Mitarbeiterin Sabine Seyb. Bis Mitte Oktober waren es 102 von „Reach Out“ registrierte rechte Gewalttaten. „Im Vorjahr hatten wir insgesamt 115 Übergriffe“, sagt Seyb. Besonders auffällig sei, dass die meisten Gewalttaten nicht in den Außenbezirken passierten, sondern vor allem in Stadtteilen wie Friedrichshain, Prenzlauer Berg, Lichtenberg und zunehmend auch im südlichen Neukölln. In Friedrichshain registrierte der Verein beispielsweise bis Ende September 39 Angriffe. Im vorigen Jahr waren es insgesamt 23. In Prenzlauer Berg sind es bis Ende September acht, im ganzen Jahr 2005 waren es sieben Taten. Worauf diese Zunahme zurückzuführen ist, weiß die „Reach Out“-Mitarbeiterin auch nicht genau. „Klar ist aber, dass sich viele durch die Wahlerfolge der NPD und der Republikaner in ihrem Tun bestätigt fühlen“, vermutet Seyb.

Auch Thomas Kreutz, Plakatierer bei der Werbefirma VVR Berek kann diesen Trend bestätigen. Er half beim Ankleben des Siegerplakats und erzählte von seinen Erlebnissen in Bahnhöfen: „Vor allem auf der U-Bahnlinie 8 habe ich auch tagsüber zahlreiche Übergriffe erlebt – da könnte ich ein ganzes Buch schreiben.“ ctr

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