Berlin : Planquadrate im Matsch

Drei gerade Straßen, die Häuser aufgereiht: das ist Spandau vor 1000 Jahren. Archäologen graben eine alte Siedlung aus – und staunen über so viel Ordnung

Helmut Caspar

Regen ist der Feind der Archäologen. Was sie vorsichtig mit Spaten und Schabern hervorholen, überschwemmt der wieder und macht alles unkenntlich. Schicht für Schicht legen die Spurensucher vom Landesdenkmalamt zurzeit südlich der Spandauer Altstadt Berlins größtes archäologisches Flächendenkmal frei. Gegen den Feind, den Regen, kämpfen sie mit Wasserpumpen und Geduld. Ist der Boden wieder trocken, geht die Arbeit geht weiter.

Hier, gleich neben dem Spandauer Burgwall und am strategisch bedeutsamen Zusammenfluss von Spree und Havel, auf einem etwas abgelegenen Gelände zwischen Einfamilienhäusern, Gärten und kleinen Handwerksbetrieben, siedelten vor tausend Jahren – also lange bevor von Berlin die Rede war – Menschen vom Stamme der Heveller hinter Holzpalisaden und Erdwällen. Zuletzt wurde hier in den 1990er Jahren gegraben, jetzt setzen Spezialisten vom Landesdenkmalamt neben dem eigentlichen Burgwall die Untersuchungen fort – und wurden ebenfalls in reichem Maße fündig. Da demnächst auf dem von Erdhügeln umschlossenen Areal ein Altenheim errichtet wird, ist Eile geboten. Solche baubegleitenden Untersuchungen gehören zum Pflichtprogramm der Bodendenkmalpfleger und müssen vom Bauherren finanziert werden.

Gemeinsam mit dem Archäologen Uwe Michas vom Landesdenkmalamt ist eine aus 20 Archäologiestudenten und weiteren Helfern bestehende Gruppe dabei, dunkle Bodenschichten vorsichtig abzutragen. Das ist Handarbeit, schwere Technik würde Relikte zerstören. Es werden Kellen, Spachtel und Pinsel eingesetzt, etwa wenn kleinteilige Hinterlassenschaften der Heveller von Erde befreit werden müssen. Scherben oder Bronzeschmuck oder Verfärbungen im Boden, die auf längst vergangene Holzbauten hinweisen, werden millimetergenau und maßstabsgerecht vermessen und in Lagekarten eingetragen.

Es formt sich ein faszinierendes Bild vom Bau und vom Leben in der ehemaligen Vorburgsiedlung. „Sie existierte außerhalb des eigentlichen Burgwalls und bestand aus drei schnurgerade verlaufenden Straßen, an denen exakt in Reih und Glied ausgerichtete Häuschen mit einer Grundfläche von etwa fünf mal fünf Meter standen“, beschreibt Michas die Fundstätte. Die Vorburg sei in der Zeit etwa vom 10. bis ins 13. Jahrhundert hinein hauptsächlich von Handwerkern bewohnt gewesen, die wahrscheinlich für die Bewohner der Burg tätig waren. An den Fundstücken könne man sehen, dass hier Raseneisenerz, das es überall in der Gegend gab, zu Eisen verhüttet wurde. Man fand auch Reste eines Schmelzofens und von Schlacke. Dass man das magnetische Metall für die Herstellung von Messern, damals ein Allzweckwerkzeug, und von Pfeilspitzen verwendete, beweisen aus dem Boden präparierte Fundstücke.

Die Bewohner der Spandauer Vorburg waren offenbar in vielen Sparten geschickte Handwerker. So konnten sie auch Bronze gießen, worauf zum Teil filigran gearbeitete Schmuckstücke und Gebrauchsgegenstände aus dieser Legierung aus Kupfer und Zinn deuten. Außerdem haben sie gewebt und getöpfert, wie zur Herstellung von Stoffen benötigte Spinnwirtel und zahlreiche Keramikscherben beweisen. In der von vielleicht 200 Menschen bewohnten Siedlung gingen ferner Knochenschnitzer und Fischer ihrer Tätigkeit nach. Das erkennt man an kunstvoll etwa zu Pfriemen oder zu Knöpfen umgearbeiteten Geweihen und Tierknochen sowie jeder Menge Fischgräten und Schuppen, die jetzt aus den ehemaligen Abfall- und Fäkaliengruben herausgeholt werden.

Großes Aufsehen erregte bei den Ausgräbern eine wohl als Opfergabe unter der Schwelle eines Hauses vergrabene Kinderleiche. Vielleicht handelt es sich bei dem 50 Zentimeter großen, noch gut erhaltenen Skelett um eine Totgeburt, die man zur Abwehr böser Geister dem Erdreich übergab. Eine ähnliche Aufgabe hatte wohl auch ein Hund, dessen Knochen man an einer ähnlichen Stelle fand.

Uwe Michas ist mit den bisherigen Ergebnissen der noch bis Herbst laufenden Grabungen auf Berlins größtem archäologischen Flächendenkmal zufrieden. Diese reiche Ausbeute habe man nicht erwartet. „Die Existenz der Vorburg wurde zwar vermutet, doch dass sie so groß und geradezu planvoll gebaut war, ist doch überraschend.“ Da die Grabungen noch nicht abgeschlossen sind, richten sich Michas und sein Team auf weitere Hinterlassenschaften der ältesten Spandauer ein. Was ans Tageslicht kommt, wird in einer Publikation des Landesdenkmalamtes beschrieben und historisch bewertet, und natürlich wird der eine oder andere charakteristische Fund später einmal ausgestellt.

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