Planungspanne bei Brücke : Fußgänger trifft der Schlag

Für Fußgänger hält die neue Brücke in Schöneberg eine unerfreuliche Überraschung parat: Wer auf der „Crellepromenade“ den Handlauf berührt, wird von einem 1000 Volt starken Stromschlag durchzuckt.

Ralf Schönball
WIRECENTER
Vorsicht Strom! Das Geländer der Brücke zwischen Helmstrasse und S-Bahnhof Julius-Leber-Brücke ist statisch geladen.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ahmed lächelt listig als er den Passanten anspricht: „Fassen Sie mal die Brücke an“, sagt er. Sein Begleiter steht hinter ihm und feixt erwartungsfroh. Denn wer den Handlauf aus mattem Edelstahl auf der Brücke mit dem schönen Namen „Crellepromenade“ berührt, wird von einem 1000 Volt starken Stromschlag durchzuckt, dass es unter den Haarwurzeln kribbelt. Im Schöneberger Crellekiez weiß das jeder.

Seit der Eröffnung des neuen S-Bahnhofes Julius-Leber-Brücke trifft aber auch viele Ortsunkundige der Schlag. Einer ließ sich deshalb in die Klinik einweisen, die Herzfrequenz messen – und beschwerte sich beim Bezirk.

Dort ist das Problem schon lange bekannt: „Das kriegen die nicht in den Griff“, sagt ein Mitarbeiter, der nicht genannt werden will. Bezirkstadtrat Oliver Schworck (SPD) wiegelt ab: „Das ist nicht erfreulich, aber hinnehmbar“, sagt er. Der Bezirk ist der Bauherr der Brücke. Ein Warnschild gibt es wegen des Problems nicht. Schworck sagt, dass wegen des „Stromunfalls“ das Gesundheitsamt eingeschaltet wurde. Dadurch soll sichergestellt werden, dass keine Gefährdung von der Brücke ausgeht. Denn sonst müsse man „tätig werden“. Was man aber eigentlich lieber nicht will: „Wir warten erst mal ab, ob sich das Phänomen verflüchtigt“, sagt Schworck. Das habe der Hersteller in Aussicht gestellt.

Der Bezirk will nicht auf eigene Kosten nachbessern

Böse Zungen im Kiez lästern, dass das Phänomen sich erst dann verflüchtigen wird, wenn die gesetzlich festgelegte Gewährleistung der Firma für Schäden an ihren Produkten abläuft – denn dann müsste der Bezirk die unter Strom stehende auf eigene Kosten nachbessern. Für Bärbel Roos, die Chefin der Firma, die Stahl und Recycling-Kunststoff für das funkenschlagende Bauwerk lieferte, liegt kein Fall von Gewährleistung vor. Sie sagt: „Dagegen kann keiner etwas machen.“ Auf ungläubiges Nachfragen räumt sie ein: „Würde man alle fünf Meter ein Aluminium-Blech einfügen, dann würden sich die Menschen über die Fußsohlen entladen und keiner würde etwas spüren.“ Roos verweist auf „Planungsfehler“, für die sie nicht verantwortlich sei.
Anwohner des Kiezes, die auf den Terrassen der Cafés am nahe gelegenen Crelleplatz die Herbstsonne genießen, kennen das Phänomen: „In Kaufhäusern oder Büros gibt es das auch“, sagt Constantin Rauer. Und bei seiner Begleiterin hat es sogar gefunkt, als sie mit dem Fahrrad über die Crellepromenade fuhr und einige Finger nicht die Gummigriffe sondern den Stahllenker umfassten.

"Der Schreck kann das Herz aus dem Rhythmus bringen"

„Dabei entladen sich Spannungen bis 1000 Volt, weil aber wenig Strom fließt, ist es nicht gefährlich“, sagt Robert Rath vom Landesamt für Technische Sicherheit. Auch Passanten mit Herzschrittmacher könnten die Brücke passieren, weil nur „Wechselstrom“ das Herz aus dem Tritt bringe – hier fließe dagegen Gleichstrom. Rath warnt aber: „Der Schreck durch die Entladung kann das Herz trotzdem aus dem Rhythmus bringen.“ Aufgebaut werde die elektrische Spannung durch Reibung. Auf der Crellepromenade reiben Sohlen oder Reifen auf den Kunststoffplatten der Brücke. Die Entladung folgt dann auf dem Fuße – wenn man den Handlauf aus Edelstahl anfasst, weil Metall die Spannung ableitet, die sich durch die Gummireibung aufbaut.

Die Ladung kann Handys und PCs beschädigen

Die Kombination dieser Baustoffe war kein Geistesblitz der Brückenplaner. Dafür schuf Schöneberg ein in Berlin einmaliges Bauwerk. Brückenbauern der Bahn wäre das nie gelungen, denn sie müssen „alle metallführende Teile erden“, sagt ein Sprecher. Und beim Eisenbahnbundesamt heißt es noch: Eine Elektrobrücke wie diese wäre ein Fall für die bahneigene Aufsichtsbehörde.
So ganz ohne Risiko für Menschen und Technik ist der tägliche Elektroschock auf der Crellepromenade übrigens nicht: „Die Entladung kann elektronische Bauteile etwa von Handys oder PCs zerstören“, sagt Rath. Theoretisch kann die elektrostatische Entladung auch brennbare Flüssigkeiten entzünden. Damit der Funken nicht überspringt, ist an Tankstellen fast alles geerdet: Zapfsäulen, Schläuche, Pistolen – sogar die Fahrbahn. Das wird alle drei Jahre von Gutachtern überprüft, so Klaus Zacker vom Energiemulti Total. Das Risiko filmreifer Explosionen ist auch deshalb fast ausgeschlossen, weil sogar der Kunststoff von Benzinkanistern gegen elektrostatische Aufladung behandelt wird – anders als die Kunststoffe der Crellepromenade. 

0 Kommentare

Neuester Kommentar