Berlin : Platz der Republik: Irgendwann wird hier wieder Fußball gespielt

Lothar Heinke

Wer sich beim Schlangestehen auf der Freitreppe am Westeingang des Reichstagsgebäudes umdreht und auf den Platz der Republik blickt, wundert sich über eine leere, sandige Fläche. Hinten, halbrechts, zieht die moderne Burg des Kanzleramts die Blicke auf sich. Vorbei ist die Zeit, als das Areal vor dem Parlamentsbau aus tiefen Löchern und Furchen bestand - vorüber auch die Zeit, als unter der Erde die Tunnelröhren für die Bahn verlegt wurden. Jetzt beginnt die neue grüne Zukunft des Platzes, auf dem noch immer verrostete Kriegszeugen im Sand des einstigen "Endkampfgebiets" gefunden werden. Derzeit werden neue Bewässerungssysteme in die Erde gebracht, dann folgt der Anbau neuer Heckenreihen und schließlich kräftiges, unverwüstliches Gras.

Wie es aussieht, wenn alles im Sommer oder Herbst 2002 fertig ist, erläutert uns in seinem Atelier am Lützowplatz 7 der Gartenarchitekt Jan Wehberg, der gemeinsam mit Cornelia Müller einen großen internationalen Wettbewerb zur Gestaltung des Geländes am Reichstag gewonnen hatte. "Der Entwurf stellt das Areal des Platzes der Republik als einen schlichten, jedoch repräsentativen Raum im Spannungsfeld zwischen Tiergarten und den Bauten des Bandes des Bundes vor", sagt Jan Wehberg. Für ihn reicht der Platz vom Reichstag bis hinüber zum Haus der Kulturen der Welt; am westlichsten Teil nahe der ehemaligen Kongresshalle kann man seit längerem die Gartenarbeiter bei der Anlage neuer Flächen und Wege beobachten.

Das 8,5 Hektar große Areal sei im Grunde "ein Zwitter zwischen seiner Platzfunktion und einer Parksituation". Vom - inzwischen mit Platten belegten - Vorplatz des Parlamentsgebäudes bis zur Heinrich-von-Gagern-Straße symbolisiert eine weitläufige Rasenfläche "Großzügigkeit und Offenheit unser Demokratieverständnis". Dafür kommt ein sehr strapazierfähiger Rasenbelag und eine automatische Bewässerung auf die Fläche, die nach West wie Süd durch neue Baumgruppen allmählich in den Tiergarten übergeht. An den Außenseiten der Rasenfläche werden 16 Meter breite Heckenreihen gepflanzt. Sie sind streng und formal auf die äußeren Abmessungen des Reichstages bezogen. In der Ost-West-Richtung erscheinen sie wie ein durchgehendes grünes Band, das auf die Türme des Parlamentsgebäudes zuläuft und nachts illuminiert in hellem Licht erstrahlen wird. Beim Baubeginn im Oktober 1999 hatte Bundestagspräsident Thierse die Hoffnung ausgesprochen, dass der Platz der Republik ein Ort der Begegnung zwischen Parlamentariern und Bürgern werden soll. Das gilt besonders für das geplante Bürgerforum zwischen Paul-Löbe-Haus und Kanzleramt. Hier wird es Bänke zwischen Rasen- und Pflasterstreifen geben, Bäume, wahrscheinlich auch ein Café und einen Informationspavillon. Aus Löchern in den Bodenplatten schießen dann kleine Fontänen.

Der Platz der Republik ist ein geschichtsträchtiger Ort. Rund hundert Jahre lang hatten Preußens Monarchen auf dem einstigen Königsplatz ihre Paraden abgehalten. Hier stand einmal die Siegessäule, das Alsenviertel, die Krolloper, hier trafen sich die Revolutionäre von 1848. Nach dem Tode des ersten Reichspräsidenten der jungen Deutschen Republik, Friedrich Ebert, am 28. Februar 1925 wurde der Platz Zeuge einer erhebenden Trauerfeier. Am 4. Februar 1926 wurde der Königsplatz zur Erinnerung an die Ausrufung der Republik im Jahre 1918 in "Platz der Republik" umbenannt - die Nazis machten die Sache am 25. März 1933 rückgängig. Nach dem Krieg sah der Platz vor dem Reichstag die großen Maikundgebungen, hier strömten die Berliner zusammen, um gegen die Blockade und die Folgen der Teilung der Stadt zu protestieren. Hier erschallte Ernst Reuters Appell an die Völker der Welt: "Schaut auf diese Stadt!" Und hier wurde nach dem Mauerfall ebenso gefeiert wie bei der Reichstagsverhüllung von Christo und Jeanne-Claude im Sommer 1995.

Immer war es ein gutes Zeichen für die deutsche Demokratie, dass auf dem Rasen vor dem Parlamentsgebäude und unter den Worten "Dem deutschen Volke" jedermann, der Lust dazu hatte, mit Freunden Fußball spielen konnte. Wird das auch in Zukunft möglich sein? Der Architekt fände das toll: "Eine ideale Fläche mit strapazierfähigem Rasen." Das Garten- und Grünflächenamt Mitte sieht Probleme bei der Instandhaltung. Der Bundestag, dessen Kompetenz an seinen Außenmauern endet, sagt, über das spielerische Vergnügen entscheide der Senat. "Fußballspielen ist keine lärmende Veranstaltung, beeinträchtigt wohl kaum die Arbeitsfähigkeit des Parlaments und widerspricht nicht der Würde des Bundestages", meint der Sprecher des Hohen Hauses. Grünes Licht für Spaß auf dem grünen Rasen. Wenn er denn irgendwann einmal gewachsen ist.

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