Platz da! Folge 15 : Der Nollendorfplatz ist nichts für Zartbesaitete

Der Nollendorfplatz ist ein Ort mit zwei Welten: Ein lärmiger, verunsichernder Raum, in dem sich unterschiedlichste soziale Schichten begegnen. Seine Südseite ist der Quell zahlreicher Probleme.

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Die Aufenthalts- und Verweilqualität des Nollendorfplatzes zu stärken, ist das Ziel aller Arbeiten des Studienprojekts, das Astrid Zimmermann am Masterstudiengang Landschaftsarchitektur an der Technischen Universität betreut hat. Janika Schmidt (30) und Janine Teßner (24) haben ihre Konzepte für unsere Serie ein Stück weiterentwickelt. Teßner behält die Straßenführung der Kleist- /Bülowstraße bei, lässt dafür aber an den Einmündungen der Seitenstraßen insgesamt vier markante Plätze vor den "zulaufstarken" entstehen. Simulation: Janine Teßner und Janika Schmidt. TU-Masterstudiengang LandschaftsarchitekturAlle Bilder anzeigen
Simulation: Janine Teßner und Janika Schmidt. TU-Masterstudiengang Landschaftsarchitektur
07.06.2012 16:13Die Aufenthalts- und Verweilqualität des Nollendorfplatzes zu stärken, ist das Ziel aller Arbeiten des Studienprojekts, das Astrid...

Der Mann mit der Mundharmonika und dem Transistorradio ist nicht mehr da. Das heißt, ob er nicht mehr da ist oder nur noch nicht wieder, muss offenbleiben. Jedenfalls ist die Geräuschkulisse derzeit nicht zu hören, die der Mann, ob Sommer, ob Winter, vor dem Eingang zum U-Bahnhof Nollendorfplatz zu fabrizieren pflegte, indem er das Gedudel aus dem ans Ohr gepressten Radio mit seinem Blasinstrument verstärkte.

Der Nollendorfplatz ist nichts für zartbesaitete Gemüter. Über leere Bierflaschen muss der Passant zwar nicht stolpern, die werden nämlich schnell eingesammelt und im platznahen Supermarkt gegen flüssigen Nachschub eingetauscht. Aber Kronenkorken und Pappbecher liegen stets im Weg, meist gleichgültig betrachtet von Menschen, die den Platz zu ihrem Lebensmittelpunkt erkoren haben.

Dabei ist der Nollendorfplatz ein höchst lebendiger Stadtraum, frequentiert von zahllosen Passanten, denen der U-Bahnhof mit seinen nicht weniger als vier Bahnlinien als Ausgangs- oder Umsteigestation dient, flankiert von zwei Bushaltestellen, die von drei Buslinien bedient werden. Zum Angebot gehören ferner der erwähnte Supermarkt, der werktags bis 24 Uhr geöffnet ist, und mehrere Imbissstände, sei’s im Bahnhof oder an den Seiten des Platzes, und ein großes Autozubehörgeschäft, das den Platz zum Ziel zahlreicher Kraftfahrer macht. Und und und.

Automobilisten überqueren den Platz täglich zu Tausenden, zumeist über den Straßenzug Kleist-Bülowstraße, eine der wichtigsten Ost-West-Verbindungen zumal des alten West-Berlin. Ach ja: Gewohnt wird auch am Platz.

Da fangen die Probleme an, vielmehr: Da werden sie artikuliert. Denn Anwohner haben naturgemäß eine meist andere Sicht auf den öffentlichen Raum als dessen unmittelbare Nutzer. Anwohner leiden unter Lärm, Verschmutzung, mangelnder Sicherheit. Sie können all dem nicht entgehen und es ebenso wenig ändern. Und rings um den Nollendorfplatz hat sich einiges an Unmut aufgestaut.

Das hat mit dem Wandel des Quartiers zu tun – dem auf der Südseite, der „Schöneberger Seite“ (im Unterschied zur „Tiergartner Seite“ im Norden, Richtung Lützowplatz). Denn der Nollendorfplatz ist nicht der Mittelpunkt eines Quartiers, sondern die Klammer zwischen zwei durchaus verschiedenen Gegenden. Nach Süden hin bildet der Platz das Eingangstor zum Motzstraßen- und Winterfeldtkiez, zumal am Sonnabend, wenn der nun schon seit Jahrzehnten legendäre Markt auf dem Winterfeldtplatz abgehalten wird. Dann strömen Besucher zu Aberhunderten die Maaßenstraße hinunter, vorbei an zahlreichen Cafés, Restaurants, Kneipen, die oft all dies zusammen sind. Die Motzstraße hingegen, seitlich vom Platz abzweigend, erwacht spätabends zu einem ganz anderen Leben als dem, das sie tagsüber zur Schau stellt. Beim Motzstraßenfest zeigt die Schwulenszene dann auch bei vollem Tageslicht, was sie auszeichnet.

Mit anderen Worten: Südlich vom Nollendorfplatz hat sich eine Ausgeh-Gegend etabliert, mit allen Begleiterscheinungen, von zugeparkten Gehwegen und Einfahrten über lautstarke Verabschiedungen nach abendlichem Gastronomiebesuch bis hin zu Motorengeheul bei nächtlichem Imponiergehabe. Über die Urheber solchen Lärms und ihre Treffpunkte sind verschiedene Gerüchte in Umlauf, denen eines gemeinsam ist, nämlich auf die Schwierigkeit von Integration im Alltag hinzudeuten.

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