Platzverschönerung in Schöneberg : Vorrang den Fußgängern am Nollendorfplatz

Ein Seminar der Technischen Universität Berlin erarbeitet neue Pläne für den verkehrsumtosten Nollendorfplatz - passend zur neuen Aktion des Tagesspiegels.

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Der Hanne-Sobek-Platz am Bahnhof Gesundbrunnen ist nach einem großen Hertha-Fußballer benannt. Doch er gleicht einer Müllhalde, schreibt unser Leser Ralf Rohrlach. Der Tagesspiegel sucht mit seinen Leserinnen und Lesern nach Orten im Stadtbild, die stadtplanerisch vernachlässigt werden und dringend eine Verschönerung brauchen. In dieser Fotogalerie finden Sie Beispiele. Senden Sie uns Ihre Ideen und Fotos an leserbilder@tagesspiegel.de.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Ralf Rohrlach
14.01.2012 12:11Der Hanne-Sobek-Platz am Bahnhof Gesundbrunnen ist nach einem großen Hertha-Fußballer benannt. Doch er gleicht einer Müllhalde,...

Würden sich zwei Liebende – nennen wir sie Helmut und Loki – auf einer Parkbank am Nollendorfplatz heute noch die ewige Treue schwören? Eher nicht, und das liegt nicht nur daran, dass der Nollendorfplatz vom Verkehr umtost ist und zwischen Reifendienst, Bettenhaus und „Goya“ wenig Raum für Romantik lässt. Es liegt natürlich auch daran: Die Liebe leben wir dieser Tage gerne abschnittsweise. Und das gilt wohl auch für gleichgeschlechtliche Ehen, die mächtig im Kommen sind. Im Nollendorfkiez allemal, der zum alljährlichen lesbisch-schwulen Stadtfest kopfsteht. Auch am Nollendorfplatz, der aber sonst trist, verlassen und verbaut am Eingang dieses vitalen Kiezes liegt.

Dabei tobt das Leben gleich um die Ecke, in der Maaßenstraße. Der Inder, das Café mit dem erlesenen Kuchenbüfett, der Neulandfleischer, der Eisstand und die Modeboutiquen – hier kauft man ein, flaniert, genießt und verweilt auch gerne. Und wenn am Sonnabend am Ende der Straße die Händler ihre Stände auf dem Winterfeldplatz aufbauen und der größte Markt Berlins öffnet, dann kauft die halbe Stadt hier ein und prostet sich zu – das Prosecco-Glas in der Hand vor den Türen des Slumberland.

Quirliges Leben und urbane Ödnis liegen in Berlin oft nur wenige Meter voneinander entfernt. Wäre es nicht möglich dem Nollendorfplatz, dieser mit Parkplätzen übersäten Abwurfstelle für Betonblumenkübel, etwas vom Leben der Maaßenstraße einzuhauchen? Die Landschaftsarchitektin Astrid Zimmermann stellt die Neugestaltung des Nollendorfplatzes in den Mittelpunkt eines Seminars des Masterstudienganges der Technischen Universität, das bald beginnen wird. Warum ausgerechnet den? „Weil ein befreundeter Anwohner über die unhaltbaren Zustände dort klagte“, sagt sie. Und weil studentische Entwürfe oft genug vor Kraft strotzen, also gut geeignet sind, eine Debatte zu befeuern. Und eine solche Debatte über die Stadtplätze Berlins hat der Tagesspiegel ja gerade begonnen. Das passt.

Zerschnitten sei das Areal rund um die Bahntrasse zurzeit, als Platz gar nicht mehr wahrnehmbar, sagt Zimmermann über den Nollendorfplatz. Dabei zeigen Aufnahmen aus der vergangenen Jahrhundertwende, dass Altkanzler Helmut Schmidt und seine Verlobte Loki sicher nicht die Einzigen gewesen sein dürften, die sich hier die Treue schworen: Großzügige Rasenbeete gab es hier und Fußgängerwege, die das runde oder ellipsenförmige Grün umfassten. Die Bülowstraße gab es natürlich auch schon. Aber sie war schmaler und verlief am Rand der Häuserzeilen. Für Passanten gab es hier, wo im Jahr 1902 Berlins erste Hochbahnstrecke entstand, Platz genug zum Flanieren und Verweilen.

Heute zerschneiden die Verkehrsstraßen den Raum unter der Hochbahn und an den beiden auseinandergerissenen Teilen des Platzes nördlich und südlich davon. Autogerecht ist das – eine Scharte aus den 60er Jahren, die bis heute nicht ausgewetzt ist. Hier würde Landschaftsplanerin Zimmermann ansetzen. Weil mit geringen Mitteln viel erreicht werden kann, dort wo die Maaßenstraße auf den Nollendorfplatz trifft. Zunächst müssen die Parkplätze am Rande der Maaßenstraße weg. Wer mutig ist, schließt die Straße sogar für den Verkehr. Der Raumgewinn wäre gewaltig, weil die Maaßenstraße auf Höhe des Nollendorfplatzes auch noch einen Mittelstreifen hat. Es ist verlorener Raum, der hier hart umkämpft ist zwischen Fahrradfahrern und Flaneuren. Denn die Bürgersteige sind zu schmal für ein friedliches Miteinander, weil Cafés und Restaurants mit Tischen und Stühlen auch noch Platz brauchen.

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