Berlin : Platzverweis für die Kinder

Der Nachbarin war es zu laut: Gericht schließt Bolzplatz in Charlottenburg

Christian van Lessen

An der Eosanderstraße 6 in Charlottenburg ist es ganz still. Auf dem Spielplatz hält sich zwölf Uhr mittags kein einziges Kind auf. Auch das eingezäunte, aber offen stehende Gelände unmittelbar dahinter ist gestern gähnend leer. Ein gepflegter Ballspielplatz, völlig unbeachtet. Er soll jetzt nach einem Urteil des Verwaltungsgerichts geschlossen werden – wegen unzumutbarer Lärmbelästigung.

„Wo sind heute nur die Kinder?“ fragt Monika Endler, die Frau aus dem benachbarten Lotto- und Zeitschriftenladen. Ihr Geschäft lebt auch von den kleinen Kunden, die Süßigkeiten kaufen. Der Bolzplatz hat die Händlerin nicht gestört. Von einer Schließung hält sie nichts, von bestimmten Öffnungszeiten schon mehr.

Liegt es an den Ferien, dass sich niemand blicken lässt? Am Wetter kaum. Vielleicht haben sich die Kinder insgeheim verschworen, gar nicht zu kommen. Der Bolzplatz, sonst belebt, ist zu dieser Zeit der stillste Ort der Gegend.

Das Gericht hat den Bezirk gerade verurteilt, den Ballspielplatz, der an einen Hinterhof grenzt, zu schließen. Ballfangzaun, Tore und Hartbelag sollen entfernt werden: Höhepunkt eines Streits zwischen Bezirk und genervten Nachbarn. Wegen wiederholter Beschwerden hatte das Amt schon 2003 den Schall gemessen, ein Jahr später die Öffnungszeiten eingeschränkt. Eine Klägerin aus der Nachbarschaft, vom Knallen der Bälle gegen die Netze besonders gereizt, gab nicht auf. Sie protokollierte, dass nicht nur Kinder, sondern auch ältere Jugendliche und Erwachsene spielen. Und das führe zu besonders unerträglichem Lärm.

Der könne, fand nun das Gericht nach erneuten Schallmessungen des Bezirks, nur durch eine rigorose Schließung unterbunden werden. Die Anwohnerin, die dem Vernehmen nach schon zehn Jahre gegen den Bolzplatz kämpft, konnte auch Videoaufnahmen beisteuern. Sie zeigten, wie der Stahlgitterzaun außerhalb der Öffnungszeiten überklettert wird. Die Übeltäter hätten an einem Wochenende sogar die Polizei gerufen, weil der Platz geschlossen war. Die Beamten sollen dann bereitwillig den Platz mit einem Bolzenschneider geöffnet haben.

Es gibt Hinweisschilder, nach 21 Uhr und von 13 bis 15 Uhr nicht zu spielen. Dem Gericht reicht das nicht. Es wirft dem Amt vor, nichts zum Schutz der Anwohner vor unzulässigem Lärm zu tun. Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen (SPD) ist „nicht besonders erbaut“ vom Vorgehen der Nachbarn. Kinder und Jugendliche in der Großstadt brauchten nun mal Platz zum Spielen und Toben. Aber sie spricht vom Problem, dass der Platz leider auch „zweckfremd“ genutzt werde. Das Bezirksamt wolle nun erst mal die schriftliche Urteilsbegründung abwarten, dann eventuell in die nächste Instanz gehen. Es dürfe aber nicht Schule machen, Spielplätze wegen Nachbarschaftsklagen zu schließen.

Noch geht es hier „nur“ um den Bolzplatz. Er hat die Rote Karte bekommen und zeigt sich in rührender Unschuld als Oase der Ruhe.

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