Berlin : Pleite ins Glück

Er ist wieder da: Der einstige Starunternehmer Lars Windhorst macht nach Millioneninsolvenz und Betrugsvorwurf erneut große Geschäfte. Manchen ärgert das

Ralf Schönball

Er hat sechzig Gläubiger um rund 78 Millionen Euro gebracht, drei Firmen in die Pleite getrieben und eine Privatinsolvenz hingelegt. Jeden Cent müsste er seinen Gläubigern überlassen haben. Doch jetzt ist der frühere Jungstar der New Economy Lars Windhorst wieder da: Er hat ein neues Büro in der Friedrichstraße und bestellt Champagner im Berliner Society-Treff Borchardt. Sein Grund zu feiern: Im Stil von Finanzinvestoren beteiligte sich sein neues Unternehmen an der Hamburger Mobilfunkfirma Freenet und holte in drei Monaten fast 100 Millionen Euro heraus. Windhorst im Glück, seine Gläubiger im Pech: Sie werden keinen Cent von dem Geld sehen.

Denn rechtzeitig vor dem Millionencoup schloss Windhorst seine Privatinsolvenz mit einem Vergleich ab. Dadurch ist er wieder schuldenfrei. Nur drei Jahre dauerte es, statt sechs wie bei Privatinsolvenzen sonst üblich. Geht es mit rechten Dingen zu? Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt zwar gegen Windhorst wegen möglichen Betruges, Insolvenzdelikten und Börsenmanipulation. Doch die Verfahren ziehen sich seit Jahren hin. Und Windhorsts Rechtsanwalt nennt es "die Kampagne“ eines früheren Gläubigers.

Der Fall Windhorst ist ein Lehrstück über die Gier auf einem Teil des Kapitalmarktes, der regel- und zügellos wirkt. "Private Placement“ wird er genannt, weil oft Privatleute Millionen in riskante Geschäfte investieren. Sie hoffen auf gewaltige Renditen und dulden, dass dabei kaufmännische Gesetze außer Kraft gesetzt werden: Sicherheiten, ordentliche Buchführung, Rücksicht auf die Herkunft der Gelder spielen keine Rolle – dafür zählen Fantasie und Kontakte sowie ein internationales Netzwerk von Firmen, das die Strafverfolgung erschwert.

"Ich habe mich blenden lassen“, sagt Ulrich Marseille, Gründer eines weit verzweigten und an der Börse notierten Klinikimperiums. Marseille hatte Windhorst im Jahr 2001 zehn Millionen Euro geliehen, die er bis heute nicht zurückbekam. "Die Vorwürfe sind haltlos“, sagt Windhorsts Anwalt Michael Naschke. Die Staatsanwaltschaft hat nun das Wort.

Aber wie gelang es Windhorst, diese gewaltigen Schulden anzuhäufen, ohne selbst nennenswertes Vermögen zu besitzen? Auf der Liste der Windhorst-Gläubiger standen fast nur Profis des Geldgeschäftes: die Deutsche Bank, die Schweizer Credit Suisse, Topunternehmen wie Siemens, Firmen in Hong Kong und Los Angeles, eine Finanzgruppe aus Dublin. Nur zwei unbedarfte Kleinanleger sind dabei: Vater und Mutter des Pleitiers.

Statt der 78 Millionen Euro, die Windhorst seinen 60 Gläubigern schuldete, bekamen sie rund 1,6 Millionen Euro zurück. "Diese Quote wurde von der Mehrheit der Gläubiger angenommen“, sagt Insolvenzverwalter Udo Feser. Deshalb ist Windhorst wieder schuldenfrei. "Bei so vielen Verbindlichkeiten habe ich ein sehr ungutes Gefühl“, sagt auch Feser. In 30 Berufsjahren habe er nichts Vergleichbares erlebt. Die Entschuldung durch die Privatinsolvenz sollte eigentlich Kleinunternehmern wie Handwerkern oder Zahnärzten helfen, die auf Rechnungen sitzen blieben und deshalb Kredite nicht zurückzahlen konnten. Dass dieses Instrument nun eingesetzt werde, um hohe Millionensummen loszuwerden, sei umstritten. Doch so sei die Rechtslage nun mal.

Einen "unscheinbaren Jungen“ nennen Geschäftspartner den blonden 30-Jährigen mit den dunklen Augenbrauen. Ausstrahlung, Charisma? Fehlanzeige. Das Jungenhafte, Unverbrauchte dürfte aber Windhorsts Trumpf sein. "Man traut ihm nichts Böses zu“, sagt einer, außerdem könne er gut reden. Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl nahm den damals 17-Jährigen auf Asienreisen mit: Der Realschüler hatte Elektronikteile aus Fernost bestellt, in Deutschland zu Computern montiert und diese mit Gewinn verkauft. Den "deutschen Bill Gates“ nannten ihn Bewunderer, und der damalige Siemens-Chef Heinrich von Pierer förderte ihn. Im Jahr 2000 kam sogar Hollywoods Altstar Michael Douglas zu Windhorsts Büroeröffnung am Potsdamer Platz 1. Von gemeinsamen Geschäften war die Rede. Patriarchen, so scheint es, erliegen dem jungenhaften Charme Windhorsts.

Heute hat Windhorst erneut einen Seniorpartner gefunden: einen Finanztycoon mit Sitz in London. Der Multimillionär, für den Windhorst Geschäfte besorgt, hatte ihm schon mal Geld geliehen. Als Windhorst pleite ging, war sein heutiger Gesellschafter einer der Gläubiger. Zahlt Windhorst nun seine Schulden ab?

Während der eine Gläubiger ihm schon wieder Geld gibt, will der andere die vergangene Schmach nicht auf sich sitzen lassen. Ist Klinikmulti Marseille gekränkt, dass er sich so hinters Licht führen ließ? Der schlacksige Mann mit den silbergrauen Haaren überlegt nicht lange: "Das sowieso, aber ich will mein Geld zurück“, sagt er. Jahrelang hatte Windhorst ihn hingehalten, obwohl er eigentlich dessen Zehn-Millionen-Darlehen nach rund fünf Monaten zurückzahlen sollte, Ende Juli 2001.

Marseilles Vorwurf: Windhorst habe damals schon gewusst, dass er das Geld nicht zurückzahlen konnte, "weil er längst pleite war“. Dazu habe er ihm sogar Schreiben von einer Bank vorgelegt, dessen Mitarbeiter ihm Zahlungen zusicherte, die nie kamen. Auch gegen diesen Mann wird nun wegen möglichen Betruges ermittelt.

Windhorst verstand sich aber auch darauf, Marseille in Sicherheit zu wiegen. Ein Mal überwies er einen kleinen Betrag zurück – das Geld hatte er von Marseilles Darlehen auf sein Schweizer Privatkonto abgezweigt. Ein anderes Mal überreichte er Marseille bei einem Abendessen mit dessen Frau feierlich einen Scheck über rund 1,4 Millionen Euro. Auch dieses Geld stammte von einem Anleger.

Denn Windhorst jonglierte mit den fremden Millionen: Er zahlte dem einen Geldgeber von den Krediten des anderen kleinere Beträge zurück – und nicht etwa von den Erträgen seiner Firmen, die zu schmal waren. Eine schrieb schon kurz nach Gründung "katastrophale Geschäftsergebnisse“, so ein Gutachten der Berliner Staatsanwaltschaft. Doch das interessierte die Gläubiger offenbar wenig. Sie akzeptierten Firmenanteile als Pfand für Forderungen. Die Staatsanwaltschaft nennt deshalb den Deal im Falle Marseilles ein "hochriskantes Geschäft mit geringer Erfüllungswahrscheinlichkeit“.

Derweil rissen horrende Mieten für Büros in Berlin und Los Angeles tiefe Löcher in die Firmenbilanzen. Windhorsts aufwendiger Lebensstil verschlang weitere Millionen. Rund 38.000 Euro monatlich kostete sein Büro am Potsdamer Platz 1, und er bestellte einen "Cessna Citation Jet C 525“ für drei Millionen Dollar, die er später nicht bezahlen konnte.

Und immer wieder zweigte er Geld von seinen Anlegern auf Schweizer Privatkonten ab. Die Staatsanwaltschaft ermittelte, dass etwa 40 Prozent der Marseille-Millionen "zur Begleichung privater Ausgaben dienten“ oder dazu, persönliche verbürgte Schulden zu bedienen. Windhorsts Anwalt bestreitet dies, sein Mandant habe vielmehr "Schulden von Firmen auch persönlich übernommen“, sagt Michael Naschke.

Als der Neue Markt zusammenbrach, zerschlug sich Windhorsts Plan, seine Firmen an die Börse zu bringen und so die Millionenschulden zu begleichen. Erneut war es ein persönlicher Kontakt, der Prokurist der Luxemburgischen Warburg-Bank, der ihm Zugang zu Geldquellen in Aussicht stellte – zu den Millionen des „Abacha-Clans“. Das Geld hatte der frühere Diktator Nigerias Sani Abacha, der für seine blutrünstige Herrschaft berüchtigt war, außer Landes geschafft. Windhorst wollte dessen Clan an seinen Firmen beteiligen. Der Plan scheiterte. Die Staatsanwaltschaft war eingeschaltet worden, weil die neue demokratische Regierung in Nigeria das Vermögen zurückforderte. Die Behörde verhinderte das Bündnis des Jungunternehmers mit dem Tyrannen-Clan.

Im Mai 2003 war Marseilles Geduld am Ende. Er zwang Windhorst zum Offenbarungseid. Ein Jahr später folgten die Insolvenzen seiner wichtigsten Firmen. Doch zu holen war nichts: Auf Windhorsts Immobilien lasteten mehr Schulden, als diese Wert sind. Bei einem seiner Unternehmen wurde „mangels Masse“ nicht einmal das Insolvenzverfahren eröffnet. Bei einer anderen Firma bekam selbst der Insolvenzverwalter sein Geld nicht – auch er reihte sich ein in die Schlange der Windhorst-Gläubiger.

Heute ist Lars Windhorst wieder gut im Geschäft, als Geschäftsführer der "Vatas-Gruppe“. Und er hat dazugelernt: Statt wie früher mit eigenen, fast wertlosen Firmen fremdes Geld zu sammeln, investiert er heute fremdes Geld in fremde Firmen, in denen Werte schlummern.

So erwarb seine Firma Vatas Aktien der Hamburger Mobilfunk- und Internetfirma Freenet. Kurze Zeit später kam es zur Auszahlung einer "Sonderdividende“. Dadurch flossen fast 100 Millionen Euro Freenet-Gelder in die Kassen von Windhorsts Firma. Wenige Monate später verkaufte er die Aktien der um Millionen erleichterten Freenet weiter – fast zum Einstiegspreis. Experten nennen dies das „Heben stiller Reserven“ – Kritiker sprechen vom „Aussaugen der Firmensubstanz“. Diese Strategie sei typisch für „Heuschrecken“, die es auf schnelle Renditen abgesehen haben.

Windhorst selbst wollte sich auf Anfragen nicht äußern. Die Berliner Staatsanwaltschaft führt drei Ermittlungsverfahren gegen ihn, wegen Verdachts auf "Betrug“, „Insolvenzdelikte“ und „Börsenmanipulation“. Ob es zur Anklage kommt, ist „völlig offen“, heißt es bei der Behörde, und: „So lange gilt die Unschuldsvermutung.“ Marseille aber will nicht ruhen, bis er sein Geld zurückhat – und überzieht Windhorst mit Prozessen. Der nächste Termin ist öffentlich: Am 19. November im Berliner Kammergericht.

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