Berlin : „Plötzlich ist alles anders“

Die Psychologin Sibylle Stoevesand hilft den Schülern, die Krise zu verarbeiten

Wann waren Sie am Dienstag am Oberstufenzentrum?

Die Schulaufsicht hat uns um 10.15 Uhr informiert. Dann haben wir alles stehen und liegen gelassen. Wir waren um 11.15 Uhr vor der Schule und haben uns vor allem um die drei Schüler gekümmert, die der Täter angesprochen hatte und die den Vorfall meldeten. Die drei waren aufgeregt, wirkten aber reflektiert und stabil. Sie haben gestern viel Anerkennung für ihre Reaktion bekommen.

Worauf kommt es in den ersten Tagen nach so einem Vorfall an?

Einmal auf Transparenz: Die Schüler müssen schnell über die Geschehnisse informiert werden, damit keine Gerüchte entstehen. Auch Strukturen sind wichtig: Bei einer solchen Krise ist plötzlich alles anders. Da muss klar sein, wer Ansprechpartner ist, wer die Führung übernimmt. Am OSZ hat alles sehr gut geklappt.

Sie bieten den Schülern psychologische Beratung. Ist die Nachfrage groß?

Bisher nicht. Mittwochvormittag kam kein Schüler. Das liegt auch daran, dass die Berufsschüler nur zwei Tage in der Woche da sind: Viele Betroffene hatten heute keine Schule. Wir werden auch die nächsten Tage hier sein. Das Angebot ist wichtig, weil es den Schülern zeigt, dass sie ernst genommen werden.

Was sagen Sie den Schülern, die bei Ihnen Hilfe suchen?

Wir weisen sie erstmal darauf hin, dass es keine normale Reaktion auf eine unnormale Situation gibt. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Viele Schüler sind überrascht, dass die heftige Reaktion ausbleibt. Das kann verzögert kommen. Manchmal kann so eine Krise alte Wunden aufreißen, wie Kriegstraumata bei Schülern aus Ex-Jugoslawien. Darauf achten wir besonders.

Wann wird es am Oberstufenzentrum wieder normal laufen?

Die Nachricht kam sehr schnell, dass der mutmaßliche Täter gefasst wurde. Diese Klarheit wird es der Schule leichter machen, zur Normalität zurückzukehren. Das Thema wird alle aber sicher noch eine Weile beschäftigen.

Die Fragen stellte Florian Höhne.

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