Berlin : Plötzlich Prinzessin

Annette Bokpe ist eigentlich eine ganz normale Geschäftsfrau. Mit einem Unterschied: Sie ist außerdem Prinzessin des Königreichs Allada.

Lars von Törne

Es gibt Tage, da kann Annette Bokpe es selbst kaum glauben, was aus ihr geworden ist. „Wenn ich vor dem Spiegel stehe, denke ich mir: So sieht doch keine Prinzessin aus. Ich habe kein zartes Gesicht, bin nicht schlank, habe keine goldigen Locken.“ Die kräftige Frau mit den schulterlangen, blondierten Haaren lacht. Nein, wie die Königstöchter, von denen sie als Kind in Märchen hörte, sieht die 43-Jährige wirklich nicht aus. Eher wie eine pragmatische Geschäftsfrau, die mit beiden Beinen im Leben steht. Und doch ist Annette Bokpe genau das: Prinzessin des kleinen Königreiches Allada in Benin. Wie es dazu kam, dass eine Theaterwissenschaftlerin aus Berlin zum Mitglied eines westafrikanischen Adelsgeschlechtes wurde, berichtet sie in ihrer kürzlich erschienen Autobiographie „Der Kuss des Voodoo“.

„Das Buch war die reinigende Abrechnung mit einer Lebensphase", erzählt Annette Bokpe und schenkt sich eine Tasse afrikanischen Zitronellentee ein. Sie sitzt in einem handgeschnitzten Stuhl aus Irocco-Holz, der mit Löwenköpfen verziert ist. Ihr Wohnzimmer in einem unscheinbaren Mariendorfer Reihenhaus erzählt davon, wie sehr die afrikanische Kultur in das Leben von Frau Bokpe Einzug gehalten hat. Vor der deutschen Ledercouch liegt ein Palmstrohteppich aus Benin. Auf dem Regal steht die Skulptur eines Tigers mit der Aufschrift „Palais Royal d’Allada“. Eine Hand voll geschnitzter Elefanten schmückt das Zimmer. Sie sind die offiziellen Symboltiere ihres Mannes, Alain-Maurice Kodjo Bokpe, Prinz von Allada und Zeremonienmeister der Voodoo-Religion.

Vor 16 Jahren war sie mit dem Zug auf dem Weg von ihrem Thüringer Elternhaus nach Ost-Berlin. Zufällig sitzt im Abteil auch ein junger Student aus Benin, dem kleinen sozialistischen Bruderstaat zwischen Nigeria und Togo. Die beiden finden Gefallen aneinander, ein Jahr später sind sie verlobt, kurz darauf kommt die erste Tochter zur Welt. Ihr Mann zieht nach West-Berlin, holt sie nach. Damit beginnt das Abenteuer.

Bei ihrem ersten Besuch in Benin passiert etwas Schreckliches. Bis dahin hatte Bokpe kaum etwas vom Voodoo-Kult gehört, jener Naturreligion, die in Westafrika weit verbreitet ist. Welchen Einfluss Voodoo auf das Leben der Menschen hat, wusste sie nicht. Gleich nach der Landung in der Hauptstadt Cotonou wird Maurice von einem neidischen Onkel mit einem Voodoofluch belegt. „Da drehte mein Mann durch“, erinnert sich Annette Bokpe mit einem Schaudern. Plötzlich ist Maurice in einer Trance, aggressiv und für seine Frau unerreichbar. Wie in einem Alptraum irrt sie mit ihm in einem Taxi durch die fremde Stadt, findet mit Hilfe von Freunden zu einer Sekte, die ihren Mann in tagelangen Zeremonien von seinem Bann befreien kann. Von da an lässt diese Religion sie und ihren Mann nicht mehr los. Wie groß das Geheimnis wirklich ist, das ihren Maurice umgibt, wird Annette Bokpe aber erst deutlich, als sie erfährt, dass er sich von einem Voodoo-Priester ein Orakel hat werfen lassen. Darin wird ihm vorhergesagt, er würde eines Tages ein Prinz werden.

Nach ihrer Rückkehr nach Berlin stehen erst einmal weltliche Dinge wieder im Vordergrund. Das Ehepaar hat ein Taxiunternehmen aufgebaut, mit einem eigenen Reisebüro bringen sie Touristen nach Benin. Bei einer Geschäftsreise passiert es dann: Maurice wird unverhofft vom König des kleinen Reiches Allada zu sich geladen. Der eröffnet dem jungen Mann, dass er ihn zu seinem Prinzen und Außenminister machen will. Was dann folgt, gehört für Annette Bokpe bis heute zu den beeindruckendsten Erlebnissen ihres Lebens. In einem geheimen Voodoo-Ritual wird Maurice zum Prinzen gekürt, Annette zur Prinzessin. Wenn sie heute, fünf Jahre später, von dem Krönungsfest erzählt, dann leuchten die blauen Augen der Prinzessin vor Begeisterung. Doch die Ernüchterung folgte bald. Als das Paar nach der Krönung wieder in Deutschland ankommt, ist nichts mehr wie vorher. Ihr Mann wird Annette Bokpe zunehmend fremd. Er nimmt sich Freiheiten heraus, die ihre Beziehung belasten, beginnt Affären mit anderen Frauen. Als Maurice seine Annette nur noch wie eine Dienstmagd behandelt und auf seinem Recht beharrt, als Prinz mehrere Frauen haben zu dürfen, trennen sich die beiden. Zwar pflegen sie der beiden Töchter zuliebe weiterhin engen Kontakt. Aber für ein Happyend wie im Märchen ist es zu spät.

Ihre offiziellen Pflichten als Prinzenpaar erfüllen die beiden trotz ihrer Trennung weiterhin, vertreten Benin bei internationalen Konferenzen und Empfängen, werben in traditionellen Gewändern für Tourismus und Handel. Pragmatisch nutzt Annette Bokpe ihren Prinzessinnentitel, um in dem Land, das ihr im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen ist, Entwicklungshilfeprojekte zu unterstützen. Mit Erfolg: Seit „Der Kuss des Voodoo“ in den Buchläden steht, vergeht kaum eine Woche, in der sie nicht in einer Talkshow oder bei einer Informationsveranstaltung auftritt. Sie sammelt Spenden für ein Kinderheim, eine Schule, und vergangene Woche fädelte sie eine Partnerschaft zwischen einer Universität in Cotonou und der Hochschule Görlitz ein. „Die Rolle der Prinzessin macht mir großen Spaß“, sagt sie und schenkt eine neue Tasse Zitronellentee ein. „So lerne ich unheimlich interessante Leute kennen.“

Nebenbei hat sie sich ein eigenständiges Leben als Geschäftsfrau aufgebaut. Sie gründete eine Dienstleistungsagentur, gibt Kommunikationskurse für Arbeitslose. Voodoo spielt kaum noch eine Rolle. „Ich würde mir nie ein Orakel werfen lassen“, sagt sie bestimmt. „Für mein Leben sind nicht die Götter verantwortlich, sondern ich selbst!“ Nur manchmal, zu feierlichen Anlässen, da kippt sie schon mal etwas von einem Getränk auf den Boden, wie es in Benin üblich ist. „Für die Ahnen“, sagt sie und lächelt verschmitzt.

(Annette Bokpe: „Der Kuss des Voodoo“, 334 S. mit zahlr. Fotos, List-Verlag, 22 Euro)

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