Berlin : „Plötzlich sind wir die Hauptverdächtigen“

Alle Frauen, die im Krankenhaus Waldfriede arbeiten, sollten eine Speichelprobe abgeben und sich fotografieren lassen. Freiwillig, wenn’s geht. Wer nicht wollte, muss zum Einzelgespräch.

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Von Ingo Bach

„Wir sind doch keine Mörderinnen“, sagt Schwester Tanja empört. Noch immer kann sie es nicht fassen, dass die Kripo alle Mitarbeiterinnen verdächtigt. Nichts anderes stecke schließlich dahinter, wenn sämtliche weiblichen Angestellten des Krankenhauses Waldfriede eine DNA-Probe abgeben müssen – auch wenn die Polizei betont, man suche keine Täter, man suche Zeugen.

Gleich neben dem Schwesternzimmer der Geburtsstation schlafen zwei Neugeborene, nicht viel älter als der erstochene Junge, der im Juli in der Babyklappe des Krankenhauses abgelegt wurde. Schwestern und Pfleger wuseln herum, suchen nach Medikamenten, erwärmen Milch für die Kleinen. Überwachungsgeräte fiepen.

Schwester Tanja arbeitet seit Jahren auf der Station – und sie ist selbst Mutter eines anderthalbjährigen Sohnes. Das sei der Grund gewesen, sagt sie, hier trotz aller Bedenken freiwillig mitzumachen, sich quasi erkennungsdienstlich behandeln zu lassen. „Ich will mithelfen, dass der Täter gefasst wird.“ Sie meldete sich bei der Polizei, die von Dienstag bis Donnerstag im Krankenhaus Speichelproben sammelte und die Mitarbeiterinnen fotografierte. Sie ließ sich den Tupfer in den Mundwinkel stecken, ertrug die Fragen und die Fotos mit einer Nummer vor der Brust. Sie sagte Danke für das Gebäck, das ihr die Polizisten anboten, um das Ganze etwas lockerer zu gestalten. Die Beamten seien sehr nett gewesen, erinnert sie sich. Trotzdem war ihr ein bisschen mulmig. „Das geht ganz schön weit in die Privatsphäre hinein.“ Mulmig, weil Schwester Tanja nicht nur als Freiwillige vor den Polizisten stand, sondern auch als potenzielle Täterin. „Man macht sich doch verdächtig, wenn man nicht mitmacht.“

Immer wieder betonten die Ermittler, die Untersuchungen seien freiwillig. Doch wie viel Freiwilligkeit bleibt noch nach der Ankündigung der Beamten, man werde mit jedem, der sich nicht meldet, ein Einzelgespräch führen? Viele Frauen fühlen sich von der Polizei unter Druck gesetzt, manche sehen sich sogar getäuscht. „Man sagte uns, es gehe nur darum, eine Spur von vielen auszuschließen“, sagt die Chefin der Pflegekräfte, Gabriele Gerold. „Und nun sieht es so aus, als seien wir Klinikbeschäftigten die Hauptverdächtigen.“

Mit dem Frieden ist es in der idyllisch gelegenen Zehlendorfer Klinik erstmal vorbei. Die polizeilichen Ermittlungen sind derzeit das Gesprächsthema Nummer eins. 450 Mitarbeiterinnen wurden um Mithilfe gebeten, nur 40 haben sich verweigert. Aus unterschiedlichen Gründen. Sie fragen sich, was mit den Fotos passiert. Werden sie den Augenzeugen vorgelegt? Was, wenn einer fälschlicherweise denkt, er habe die Täterin wiedererkannt? Und werden wirklich alle Daten nach dem Ende der Ermittlungen gelöscht? Und schließlich ärgern sich viele darüber, unter Generalverdacht zu stehen.

Überall auf den Fluren und an den Türen der Gebäuden kleben die Polizeiplakate: „Babymord – Die Polizei bittet um Mithilfe“. Wie mag der Kinderpflegerin zumute sein, die in der Babyklappe die Kinderleiche fand? Unmöglich, den grausigen Erinnerungen zu entrinnen, wenn man täglich an den Plakaten vorbei muss, auf denen der Strampelanzug des toten Kindes abgebildet ist.

Am helllichten Tag brachte irgendjemand die eingewickelte Leiche an die „Wiege“ mit der leuchtend grün Klappe. Kein richtiger Weg führt dorthin, nur ein paar einzelne Gehwegplatten leiten die Schritte. Wer ist ihn gegangen an diesem 8. Juli, als die Babyleiche hier abgelegt wurde? „Keiner von uns“, ist Schwester Tanja überzeugt. Aus ihrem Schwesternzimmer hat sie einen direkten Blick auf die Klappe, so wie viele in dem sechsstöckigen Klinikbau. „Wenn das jemand aus dem Krankenhaus gewesen wäre, hätte man die Frau sofort erkannt.“

Andere meinen, die Polizei sei auf der richtigen Fährte. „Die Täterin kommt aus der Umgebung“, vermutet Angelika Matthes, die Chefin der Klinik-Caféteria. „Man schleppt so ein Bündel nicht vom Wedding nach Zehlendorf.“ Eine Verzweiflungstat. „Vielleicht war es eine kindliche Mutter, die die Geburt am liebsten ungeschehen machen wollte.“ Ungeschehen durch einen Mord.

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