Berlin : „Pöbeleien von Rechten sind fast mein Alltag“

Polizei befragt erstmals überfallenen Politiker Sayan. Er wurde vor drei Wochen schon einmal angegriffen

Sandra Dassler/ Jörn Hasselmann

Dem am Freitagabend vermutlich von Rechtsradikalen überfallenen PDS-Politiker Giyasettin Sayan geht es wieder etwas besser. Dem Tagesspiegel sagte der 56-Jährige gestern: „Ich habe noch starke Schmerzen und kann mich nur kurze Zeit konzentrieren, aber das Schlimmste ist überstanden.“ Der aus der Türkei stammende Abgeordnete muss aber weiterhin im Krankenhaus bleiben. Er war, wie berichtet, in Lichtenberg nahe dem Bahnhof von zwei Unbekannten angegriffen und als „Scheißtürke“ beleidigt worden.

Der polizeiliche Staatsschutz konnte ihn gestern Mittag erstmals zu dem Überfall befragen und ihm Bilder von Rechtsradikalen vorlegen. Über Ergebnisse der Befragung wurde nichts bekannt. Sayan ist sicher, dass die Männer, die ihn überfallen haben, Rechtsradikale waren. Es sei nicht das erste Mal gewesen, dass er in seinem Wahlkreis angegriffen wurde, sagte er dem Tagesspiegel: „Vor drei Wochen haben mich – ebenfalls in der Weitlingstraße – drei junge Rechte verfolgt. Ich hatte Angst, konnte mich aber gerade noch in mein Auto flüchten.“ Der Polizei habe er damals von diesem Vorfall nichts erzählt, weil „Pöbeleien von Rechten fast zu meinem Alltag gehören“: „Ich wurde schon oft beleidigt oder bespuckt“, sagte er.

Wie es gestern bei der PDS hieß, sei bereits im letzten Wahlkampf 2001 eine Flasche aus einem Fenster auf Sayan geworfen worden, die ihn aber zum Glück nicht getroffen hatte. Der Kurde hat sich in seinem als rechte Hochburg verrufenen Weitling-Kiez den Hass der Rechten vor allem durch die von ihm betriebene Schließung des Szene-Treffpunkts „Café Germania“ auf sich gezogen. Damals hätten ihn Rechte bei einer Podiumsdiskussion im Rathaus bedroht und dann im Saal randaliert, berichtete Sayan. Der Tatort an der Weitlingstraße liegt im Wahlkreis des Abgeordneten. Von den beiden auf 20 bis 25 Jahre geschätzten Männern fehlt weiter jede Spur. Die Polizei ist auf Hinweise angewiesen; der Polizeipräsident hat eine Belohnung von 3000 Euro ausgesetzt. Sayan betonte gestern, dass die Täter nicht auf ihn gewartet hätten: „Die haben mich gesehen, mich erkannt und dann mit einer Flasche zugeschlagen.“

Sayan vermutet, dass die Täter sein Gesicht kannten, weil er einige Tage zuvor in der rbb-Abendschau zum Thema No-Go-Areas interviewt worden war. Seit neun Jahren engagiere er sich gemeinsam mit Kirchen, Schulen und der Polizei gegen rechte Gewalt in seinem Kiez. „Wir versuchen zum Beispiel die vietnamesischen und türkischen Gewerbetreibenden zu schützen.“ Vor zwei Wochen sei erst eine Aktionswoche gegen rechte Gewalt eröffnet worden. „Da musste auch schon die Polizei eingreifen“, erzählte Sayan. „Die Neonazis haben versucht, unsere Plakate und Bilder abzureißen. Die sind bei uns im Kiez ziemlich frech.“

Sayan bekam gestern im Krankenhaus auch Besuch von Innensenator Ehrhart Körting (SPD). Außerdem, erzählte er, kümmern sich seine beiden Söhne, sein Bruder sowie viele Freunde um ihn.

0 Kommentare

Neuester Kommentar