Pogromnacht : Die entsorgte Geschichte

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 steckten die Nazis Berliner Synagogen in Brand und zerstörten Geschäfte von Juden. Die Trümmer und Scherben wurden vermutlich auf eine Mülldeponie in Brandenburg gebracht. Eine Spurensuche.

Claudia Keller

Bei den Gielsdorfs liegt irgendwo in einer Kiste ein Bierkrug mit silbernem Deckel. Bei anderen Familien im Brandenburgischen Klandorf haben sich Teller, Tassen oder Embleme aus Emaille angesammelt. Oft haben die Kinder die Gegenstände angeschleppt. Es sind kleine Trophäen von der Müllhalde in der Nähe des Dorfes, nun liegt das Zeug zu Hause rum. Bis vor kurzem hat sich kaum jemand dafür interessiert. Jetzt sitzen Reporter der „New York Times“ bei den Gielsdorfs auf dem Sofa und wollen die Fundstücke sehen. Denn bis nach Amerika hat sich herumgesprochen, dass auf der Müllkippe bei Klandorf der Berliner Abfall aus der Nazi-Zeit liegt, auch jener aus dem Jahr 1938. Darunter vermutlich auch die Reste jüdischen Eigentums, verkohltes Mobiliar und Scherben, die nach der Pogromnacht vom November 1938 in den Straßen der Reichshauptstadt zusammengekehrt wurden. Grauenhaftes verbindet sich hier mit Banalem und Alltäglichem – Geschichte, sediert im Müll.

Klandorf liegt in der Schorfheide, eine knappe Autostunde nördlich vom Alexanderplatz. Seit 1928 wurde hier mit der Heidekrautbahn abgeladen, was die Berliner loswerden wollten: Knochen vom Sonntagsbraten, Geschirr, Bier- und Weinflaschen, Asche aus den Kohleöfen. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 steckten marodierende Nazis im ganzen Land Synagogen an und verwüsteten Geschäfte und Wohnungen von Juden. Allein in Berlin brannten elf der 14 großen Synagogen und Dutzende kleine Bethäuser. In den Tagen danach seien besonders viel Schutt, Trümmer und Scherben in Klandorf angekommen, erinnern sich die Älteren im Dorf. Sie waren damals Kinder. Die Müllkippe war ihr Spielplatz. Nach dem 10. November sei die Deponie abgeriegelt worden. Erst ein paar Monate später, als weitere Schichten den Sondermüll aus den Novembertagen zugedeckt hatten, durften sie dort wieder hin.

Arno Gielsdorf, 49 Jahre alt, kennt diese Geschichte von seinem Vater, der damals elf Jahre alt war. Den Gielsdorfs gehört bis heute eines der fünf Grundstücke, auf denen die Deponie errichtet wurde. Insgesamt umfasst sie 38 Hektar, etwa 50 Fußballfelder. Wenn sich der Abfall an einer Stelle türmte, verlegte man die Gleise und machte anderswo weiter. Am Anfang sortierten Gefangene aus Tegel den Müll, später Männer und Frauen aus der Ukraine, die in einem Lager auf dem Gelände lebten. Im April 1945 sprengten die Nazis die Eisenbahnbrücke in der Nähe, die Müllzulieferung aus Berlin war unterbrochen. Was hier liegt, stammt deshalb ausschließlich aus der Zeit zwischen 1928 und 1945.

Yaron Svoray hat in einem Archiv in Eberswalde Lagepläne des historischen Mülls gefunden. Er ist ein Journalist aus Israel und beschäftigt sich viel mit der deutschen Vergangenheit. Als er 2007 eine Geschichte über die SS-Fluchtorganisation Odessa recherchierte, erzählte ihm ein Förster von der Mülldeponie. Svoray kam mit einem Spaten zurück. Nach ein paar Stunden hatte er eine Flasche mit Davidstern und ein blechernes Hakenkreuz ausgegraben. „Das ist ein Skandal, dass die Deponie weder gesichert noch wissenschaftlich erforscht ist“, sagte er in amerikanische und brandenburgische Kameras und zeigte seine Fundstücke. Er ist empört darüber, dass hier Gegenstände von Toten liegen und sich jeder bedienen und womöglich sogar Relikte aus der Pogromnacht mitnehmen kann. Auch Svoray steckte seine Funde ein und zeigte sie dem Gettokämpfer-Museum in Israel. Der Museumsdirektor regte sofort an, israelische und Brandenburger Schüler könnten unter pädagogischer Anleitung gemeinsam im Müll graben und erfahren, „dass die Geschichte lebt“. Brandenburgs Behörden reagierten auf die Idee nicht so begeistert, wie Svoray erhofft hatte. Gestern ist er wieder aus Israel gekommen, am heutigen Sonntag, wenn sich die Pogromnacht von 1938 zum 70. Mal jährt, will er mit Freunden ein Kaddischgebet auf der Müllhalde sprechen, das jüdische Totengebet. Am Montag möchte er seine Funde dem Jüdischen Museum in Berlin vorlegen und eine Pressekonferenz abhalten.

„Yaron Svoray?“, fragt Arno Gielsdorf und runzelt die Stirn. „Der hat sich doch auch nur illegal bereichert. Hätte mal fragen können, bevor er losgräbt.“ Gielsdorf hat verbal und gerichtlich schon gegen ganze Banden von Schatzjägern gekämpft, die mit Baggern und Planierraupen auf seinem Privatgrundstück nach Meissner Porzellan, Schmuck oder Nazi-Insignien suchten. Das Gericht hat ihm recht gegeben: Es darf nicht einfach jeder irgendwo herumgraben. Gielsdorf hat ein Verbotsschild aufgestellt und mit Hand „Betreten und Graben verboten“ draufgeschrieben. Es steht unter Platanen eineinhalb holprige Kilometer außerhalb von Klandorf, wo die Landschaft hügelig wird. Arno Gielsdorf steigt mit grauer Latzhose ins Auto. Er ist Kfz-Mechaniker und müsste längst in der Werkstatt sein. Aber nun, da sich die große Welt für den örtlichen Müll interessiert, kommt er oft erst mittags, weil er vorher Besuchern seine Version der Geschichte erzählt. Seine 25-jährige Tochter Angelika begleitet ihn zur Deponie. Wie der Vater und der Großvater hat auch sie auf dem Müllgelände gespielt. Sie zieht Gummistiefel an und schreitet mit großen Schritten voran durchs nasse Gras, ein bisschen stolz, ein bisschen verwundert über die plötzliche Aufmerksamkeit.

„1938 ist da drüben“, ruft sie routiniert durch den Nieselregen und deutet zu den Bäumen am Horizont. Wo nur Gras wächst, lagen früher die Gleise. Die waren auf Sand gebaut und nicht auf dem fruchtbaren Ascheboden, auf dem heute Blumen und Sträucher wuchern. Die junge Frau bückt sich und scharrt eine Figurengruppe aus Porzellan aus dem Boden. Schmierige Erde klebt daran, die Köpfe fehlen, aber auch so kann man sie sich in einem bürgerlichen Wohnzimmer vorstellen. Dass Yaron Svorays Fundstücke aus der Pogromnacht stammen, glaubt Arno Gielsdorf nicht. „Wer hätte 1938 ein tellergroßes Hakenkreuz weggeschmissen?“ Und ein Davidstern auf dem Flaschenboden beweise noch nicht, dass die Flasche aus einem jüdischen Haushalt stammt. Ein sechseckiger Stern, dem Davidstern ähnlich, ist ein altes Handwerkszeichen der Brauereizunft und fand sich deshalb oft in Flaschenböden.

Gielsdorf schätzt, dass die Scherben aus der Pogromnacht in sechs bis acht Metern Tiefe liegen. Sein Vater hat erzählt, dass die großen Abfallmengen, die danach in Klandorf angekommen sind, nicht wie üblich auf den Müll aufgeschichtet, sondern in extra ausgehobene Gruben gekippt wurden.

Noch in den sechziger Jahren hat es von der Deponie her „mächtig gerochen“. Die Klandorfer haben aber auch profitiert von dem Abfall. Familie Gielsdorf hat pro abgekipptem Müllwaggon Geld bekommen und davon eine Scheune gebaut. Andere haben sich beim Hausbau aus dem Schutt der Reichshauptstadt bedient. Manchmal spuckte die Deponie auch Skurriles aus: In den 60er Jahren fanden Kinder einen Elefantenkopf. Immer wieder tauchte Zahngold auf. Für das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege war die Deponie bislang nichts Besonderes. Nachdem Yaron Svoray Klandorf in die Weltöffentlichkeit gehoben hat, will das Amt nun untersuchen lassen, in welchem Umfang hier wirklich Zeugnisse aus der Pogromnacht liegen. Ausgraben will man aber nichts. Das Bodendenkmal soll erhalten bleiben, wie es ist, und zwar für die Ewigkeit. Das geht am besten, indem man viel Sand über die Geschichte kippt.

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