Poker-Raub : Voller Einsatz

"Krass ist der schon", sagen sie auf der Straße über Ahmad El-A., einen der vier Gangster, die das Pokerturnier überfallen haben. "Aber das ist auch für den zu krass, oder?" Wie von einem dreisten Berlin-Coup nur Dummheiten übrig blieben.

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Poker
Schrecksekunde. Während des Turniers merken die Spieler, dass hinter ihrem Rücken etwas ganz anderes abläuft. -Foto: Youtube

Drei junge Männer in Trainingshosen und Turnschuhen schlendern durch die Alte Jakobstraße, backsteinrote Häuser links und rechts, wenig Verkehr, da wo Berlin-Kreuzberg langsam übergeht in den nächsten Bezirk. Mitte. Sie schlendern und reden, und vor einem Eckhaus bleiben sie kurz stehen. Hier wohnt einer von ihnen. Und hier wohnt Jihad Chetwie. Der ist jetzt weg. Auf der Flucht. Seine Familie macht die Tür nicht auf, die Polizei hat ein Fahndungsbild herausgegeben.

Jihad Chetwie, 19, ist einer von den vier jungen Männern, die am 6. März das Pokerturnier im Berliner Hyatt-Hotel am Potsdamer Platz überfallen haben. Einer derjenigen, von denen anfangs viele dachten, sie seien kaltblütig und raffiniert, weil sie sich das trauten und weil sie dafür die besten Minuten von drei Tagen abgepasst hatten. Und dann sah es doch schnell anders aus. So, dass Berlins spektakulärster Überfall der letzten Zeit nur eine Dummheit von ein paar kriminellen Jugendlichen war. Die in etwas reinrannten, ohne die Folgen abzusehen.

Die drei Jugendlichen, die in der Alten Jakobstraße vor Jihads Haus stehen, finden jedenfalls, der sei nicht cool genug für so einen Coup. Eine gewisse Fassungslosigkeit umgibt sie aber doch. Wie war er bloß auf so etwas gekommen?

Zwei Poker-Räuber wurden schon gefasst, einer, Vedat S., gegen den der Haftbefehl schon vorlag, hat sich gestellt und seine Kumpane belastet, einen zweiten, Ahmad El-A. stellten Fahnder in Berlin- Mitte. El-A. war zufällig dort, als Polizisten wegen einer Schlägerei Personalien aufnahmen. Als sie auch nach seinen fragten, habe er erschöpft gesagt: „Ich glaube, ihr sucht mich.“

Die beiden sitzen inzwischen in Untersuchungshaft, und Experten sagen über Jihad und den ebenfalls noch flüchtigen Mustafa Ucarkus, 20: „Die beiden halten nicht mehr lange durch. Wegen des großen Fahndungsdrucks geben die bald auf.“ Sie könnten aber auch im Ausland sein. Nun werden ihre Adressen observiert, zivile Ermittler umschleichen die Häuser der Flüchtigen.

Der große Coup hatte schon dilettantisch begonnen. Seit zwölf Uhr sitzen an jenem Samstag die Pokerspieler des Hauptturniers an ihren Tischen in dem Luxushotel und haben nur Zahlen im Kopf. Einige Spieler tragen verspiegelte Sonnenbrillen, andere haben Schirmmützen tief ins Gesicht gezogen. Die Pokerrunden werden live im Internet übertragen. Seit einer knappen Woche geht das schon so. Am folgenden Tag wird sich entscheiden, wer den Hauptgewinn von einer Million Euro überwiesen bekommt. Da unterbricht ein Schrei kurz nach 14 Uhr die angespannte Ruhe im Saal. „Überfall“ ruft jemand, die Spieler springen auf, Stühle werden umgerissen.

Draußen, am hell erleuchteten Empfangscounter, wo die Pokerspieler ihr Startgeld bezahlt haben, wird um 600 000 Euro gekämpft. So viel Geld liegt in bar in einem Stahlschrank. Vier maskierte Männer haben den Moment abgepasst, als das Wachpersonal zum Teil in der Pause ist. Statt der fünf Männer, die für die Sicherheit im Foyer abgestellt waren, sind nur drei anwesend. Einer von ihnen: Roman H., ihn wird man bald einen Helden nennen. Denn dem stämmigen Mann mit kurz geschorenen Haaren gelingt es, einem der vier Gangster den Revolver aus der Hand zu schlagen. Es kommt zu einem ersten Handgemenge. Worauf zwei Räuber flüchten – von den beiden anderen Wachleuten verfolgt. Roman H. bleibt allein zurück. Er ist von einer Machete am Kopf getroffen worden. Trotzdem bewirft er die Täter mit Gegenständen, die Machete steckte in einer Schutzfolie. Die Diebe ducken sich, haben Mühe, das Geld in ihre Tasche zu packen. In die Enge getrieben, stürmt der Macheten-Mann hysterisch schreiend hinter dem Empfangstresen hervor. Roman H. sucht das Weite. Aber er gibt nicht auf. Es gelingt ihm, den langsameren Täter mit der Beute, der zudem eine auffällige rote Jacke trägt, zu Boden zu reißen.

Da scheint Vedat S. aufzugeben. Er fügt sich in den Klammergriff seines Verfolgers. Erst als sein Gefährte zurückkehrt, diesmal schwingt er keine Machete, sondern einen Absperrpfosten, gelingt es beiden zu türmen. Der Fluchtwagen, ein schwarzer Mercedes, steht auf der anderen Seite der Potsdamer Arkaden. Ein Zeuge merkt sich das Nummernschild. Die Spur führt direkt zu Vedat S..

Bei dem Überfall auf das Pokerturnier erbeutetet das Quartett 242 000 Euro. Doch hinterlässt es überall Fingerabdrücke und DNS-Spuren. Im Gerangel lässt es sich die Tasche mit dem Großteil der Beute entreißen. Nimmt im Foyer die Masken ab und wird unvermummt von Überwachungskameras gefilmt.

Vor wenigen Wochen richteten sich schon einmal alle Augen auf den nun mit Hochdruck gesuchten Jihad Chetwie. Vor 600 Zuschauern bestieg er in der Bruno- Gehrke-Halle den Boxring für einen Bundesliga-Fight. Trainiert hat er im Verein Viktoria 71 im Kreuzberger Bergmannkiez. Auch Ahmad El-A. war Nachwuchsboxer – beim Berliner Polizeisportverein. Er wohnte in der Kreuzberger Gneisenaustraße und ist im Kiez ein bunter Hund. Ein paar Jugendliche sagen, sie hätten Ahmad El-A. gekannt. „Krass ist der schon“, sagt einer. Er wundert sich aber über den Überfall auf das Pokerturnier. „Das ist auch für den zu krass, oder?“

Vor vier Jahren wurde der damals erst 16 Jahre alte El-A. sogar Berliner Juniorenmeister im Boxen. „Der Junge kam zu uns, als er gerade 14 Jahre alt war“, sagt Jörg Manske, Präsident des Berliner Polizeisportvereins. Als „sehr sympathischen, hilfsbereiten, jungen Mann“ habe man ihn gekannt. Doch vor etwa einem Jahr wurde er aus dem Verein ausgeschlossen, weil er seinen Beitrag nicht mehr zahlte und kaum noch zum Training erschien. Einige hätten damals schon geahnt, dass etwas nicht stimmt, sagte Manske. Dabei hätten seine sportlichen Erfolge Ahmad El-A. gezeigt, was er aus sich selbst machen könnte.

80 Boxer betreut der Verein. Viele junge Männer aus Einwandererfamilien, vor allem aus Kreuzberg und Neukölln, trainieren hier. „Bei vielen gelingt es, ihnen zu helfen, dass sie einen vernünftigen Weg ins Leben finden, leider nicht bei allen“, sagt Manske. Es sei wie eine Weggabelung. „Manche gehen von der Sportkarriere direkt in den beruflichen Weg hinein, andere rutschen ab und gehen in die falsche Richtung.“

Ein bisschen stolz ist Manske auf seinen Schüler trotzdem: „Ich bin froh, dass er sich bei der Festnahme nicht gewehrt hat. Er hat bei uns gelernt mit Autoritäten umzugehen und auch, wann es Zeit ist aufzugeben.“

Der Polizei waren alle vier Männer schon vor dem Raubzug am Potsdamer Platz bekannt. Diebstähle oder Raubüberfälle brachten sie vor Gericht oder ins Gefängnis. Einer ist als Intensivtäter bekannt. Noch ist unklar, was El-A. in Untersuchungshaft ausgesagt hat. Aus Ermittlungsgründen will sich die Polizei dazu nicht äußern. Wie viele Jahre Haft den jungen Männern wegen des waghalsigen Unternehmens drohen, will kein Jurist jetzt schon einschätzen. Mehrere Jahre werden es aber sicher.

Der 21-jährige Vedat S., der sich gestellt hat, hofft darauf, dass die sogenannte Kronzeugenregelung in seinem Fall angewendet wird. Danach könnte er für den Verrat eine erhebliche Strafmilderung bekommen. Er hat der Polizei gestanden, dass er das Foyer des Hotels ausgekundschaftet hatte. Nachdem er festgestellt hatte, dass das Sicherheitspersonal nicht mit Schusswaffen ausgestattet war, hätten die vier beschlossen, den Überfall durchzuführen. Vedat S. hat zudem angekündigt, seinen noch versteckten Teil der Beute über seinen Rechtsanwalt zurückzugeben.

Denn gejagt werden nicht nur die Täter, gejagt wird auch das Geld. Es wurde, so heißt es, kurz nach dem Überfall aufgeteilt. Vielleicht haben sich die Täter am Abend desselben Tages schon in den Nachrichten gesehen, vielleicht in den Tagen danach gehört, wie die Polizei von deutlichen Spuren sprach und schnelle Fahndungserfolge ankündigte. Vielleicht ist ihnen da, spätestens als ihr Fall bei „Aktenzeichen XY“ aufgerollt wurden, aufgefallen, was sie angestellt hatten.

Die schnellen Erfolge der Polizei folgten tatsächlich. Und auch, wenn mancher Ermittler sich schon über die Dummheit der Diebe lustig gemacht hat, heißt es vom Kriminaldirektor Stefan Teller: „Bei uns wurde kein Sekt kalt gestellt, sondern 24 Stunden am Tag gearbeitet um die Täter zu fassen.“ Die Beute fehlt weiterhin.

Schon am vergangenen Freitag wurde ein tatverdächtiger Mann festgenommen. Er hatte jedoch ein Alibi. Die Ermittler fanden bei ihm aber einen Zettel, sechs Namen darauf, drei davon waren die der Täter. Als wenn es noch andere Jäger gebe.

Mitarbeit Ingo Schmidt-Tychsen

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