Polikliniken : Alle Ärzte in einem Haus

Die Idee ist nicht neu: Schon in der DDR waren in Polikliniken alle wichtigen Fachärzte unter einem Dach vereint. Inzwischen feiert das Prinzip ein Comeback - schon jetzt gibt es 108 Versorgungszentren.

Ingo Bach

Den aus DDR-Zeiten bekannten Polikliniken ist in Berlin ein Comeback gelungen. Inzwischen gibt es in der Stadt über 100 „Medizinische Versorgungszentren“ (MVZ) – so der neue Name für eine bewährte Idee. Die wichtigsten Fachärzte sind unter einem Dach vereint, das bedeutet kurze Wege für die Kranken und für die Doktoren die Möglichkeit, sich bei der Therapie leichter abzustimmen. Alle Mediziner führen für jeden Patienten eine gemeinsame Krankenakte. Der Mediziner weiß, was seine Kollegen für den Patienten getan haben und auch, was für Arzneimittel sie verschrieben haben.

Exakt sind in Berlin inzwischen 108 Versorgungszentren entstanden, in denen 550 Ärzte tätig sind – 70 Prozent von ihnen als Angestellte. Insgesamt arbeiten in der Stadt rund 6500 ambulante Mediziner. Die MVZ erreichen mittlerweile einen Marktanteil von knapp zehn Prozent. Mit einem so hohen Anteil liege Berlin mit Bayern bundesweit an der Spitze, sagte Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) am Mittwoch bei einem Besuch in einem Versorgungszentrum an der Karl-Marx-Allee in Mitte.

Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin (KV) gibt es hier im Bezirk auch die meisten dieser Einrichtungen (15 Häuser mit 82 Ärzten). Die wenigsten gibt es bisher mit jeweils sechs MVZ und je 21 Medizinern in Reinickendorf und Lichtenberg.

Wieviele Patienten in allen Berliner MVZ versorgt werden, darüber habe man keinen Überblick, sagt Bernd Köppl , stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes Medizinische Versorgungszentren . Köppl ist aber auch Geschäftsführer der Sana-Gesundheitszentrum Berlin, das in der Stadt vier MVZ mit rund 100 Ärzten betreibt. Und diese behandelten pro Quartal 70 000 Patienten, sagt Köppl.

Ermöglicht wurde das Comeback der Poliklinik durch eine Gesetzesänderung im Jahr 2004. Mit der Novellierung hob der Bundesrat die Beschränkungen für die ambulanten Gesundheitszentren auf. Damit wurden die wenigen damals noch existierenden Polikliniken gewissermaßen aus ihrem Mauerblümchen-Dasein geholt. Viele Krankenkassen und Politiker unterstützen die Einrichtung von Polikliniken, weil sie die Kosten der Krankenversorgung reduzieren können.

Die KV sieht die Entwicklung der MVZ nicht ganz so euphorisch. Durch die Konzentrierung der Arztsitze in einzelnen Gebäuden würden die Wege zum Doktor immer weiter, sagt KV-Sprecherin Annette Kurth. Die Zentren unterliegen der Bedarfsplanung für niedergelassene Ärzte und ziehen deshalb Arztsitze aus der Umgebung ab. Da Berlin bereits als medizinisch überversorgt gilt, existiert in den meisten Gegenden und für die meisten Facharztrichtungen ein Zulassungsstopp. Will jemand also ein Versorgungszentrum aufbauen, muss er sich die Arztsitze von einem niedergelassenen Mediziner kaufen. Und ein solcher Sitz kann bis zu 100 000 Euro, bei begehrteren Fachrichtungen – etwa Internisten – sogar bis zu 200 000 Euro kosten.

Doch neben den kurzen Wegen zur Praxis um die Ecke spreche noch mehr für den freiberuflich tätigen Arzt, sagt Kurth: Dieser achte in der Regel weniger auf seine Arbeitszeit als Angestellte und unterliege keinen Anweisungen eines Vorgesetzten, zum Beispiel nur eine bestimmte Therapien anzubieten. Ingo Bach

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