Berlin : Polit-Junkies tanzten im Rathaus-Club

Beim Hoffest gab es neue Ideen gegen darbende Kassen

Elisabeth Binder

So kann ein Rathauskeller auch aussehen: Die Wände des Kellergewölbes von 1870 sind mit einer Lichttapete im Lochbrettmuster verziert. Die rau zementierten Böden mit Glitzer-Make-up geschmückt, transparente Plastiksessel und andere Stil-Juwelen aus dem Schöner-Feiern-Fundus der Post- Techno-Generation, kühlbunte Getränke und die Musikmixes erfahrener DJs: Da geriet nicht nur die wilde Malerin Elvira Bach ins Wippen. André Schmitz, Chef der Senatskanzlei, war zurecht stolz auf sein Kreativteam, das mit Unterstützung von Partner für Berlin und vor allem vom Sage Club einen Lagerraum voll staubiger Kartons in eine gigatrendige Party-Location verwandelt hat.

Klaus Wowereits Durchbruch als Gastgeber einer Riesenfete (3500 Gäste) war durchweg gelungen. Hundertfach händeschüttelnd genoss der pflichtbewusste Partygänger diesmal das Bad (es war mehr ein Marathon-Schwimmen) in seiner eigenen Gästemenge. Nur die ganz harten Polit-Junkies fragten sich, wieso die Drag Queens, die den Weg in den Club-Keller wiesen, eher dichter umringt waren als Politiker wie Hans Eichel oder Wolfgang Thierse, die eigentlich die Stars des Festes hätten sein sollen. Zeigte sich da etwa schon wieder der böse Trend zur Verboulevardisierung des politischen Lebens? Der wirkliche Grund war wohl viel einfacher. Dieses Fest wurde allein von Sponsoren finanziert; vielleicht waren die Transvestiten einfach großzügiger als die sonst so beliebten Stelzenläufer. Insgesamt war der Aufritt der Sponsoren ein eindrucksvolles Bekenntnis zu Berlin. Eigentlich schade, dass vergleichsweise wenige Münchner dabei waren; sie hätten bei Viktoriabarschfilets und Hummersüppchen über die reale Distanz zwischen Berlin und Sibirien reflektieren können. Auch die mit Blütenblättern und Teelichtern dekorierten Rathausklos gaben Zeugnis, dass Preußens tonangebende Klasse den höheren Sphären der Zivilisation immer näher rückt.

Etwa 10 000 Gäste hätten nach den Worten des glamourerfahrenen Regierenden Bürgermeisters gerne zugesagt, aber nur 3500 durften kommen. Zu den Nichtgeladenen gehörte offenbar der Chef des Bundes der Steuerzahler, der Wowereit nachmittags deswegen noch beschimpft haben muss und so zum Gegenstand der Begrüßungsansprache wurde. Schade eigentlich, er hätte die Anregung mitnehmen können, den Rathauskeller auf Dauer als Club zu etablieren, um eine neue Geldquelle zu erschließen für die darbenden Kassen.

Vielleicht klappt das ja auch so. Es gibt schließlich derzeit keine Vorschrift, das alle Probleme mit politisch scheinkorrekter Leichenbittermiene angegangen werden müssen.

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