Berlin : Politik und die Kunst, Motorrad zu fahren

Plaudereien einer öffentlichen Person: Das neue Buch des Ex-Kultursenators Christoph Stölzl

Werner van Bebber

Christoph Stölzl ist klug und wortgewandt. Er ist viel in der Stadt unterwegs, er ist eine öffentliche Person und deshalb ganz zu Recht der Überzeugung, dass bestimmt viele Leute gern wissen wollen, was er so alles denkt. Deshalb hat er ein Buch mit Texten zusammengestellt, die vor allem von Christoph Stölzl und Berlin handeln. Man findet darin, einerseits, das Übliche: das wunderbare Berliner Licht, das durch die Blätter alter Eichen lächelt. Altbau- und Metropolengefühle. Die Liebe zu Büchern, die zum Bildungsbürger gehört, früh entwickelt in Gymnasiastenzeiten. Alles schön geschrieben und mit Lebensfreude erzählt.

Wer zum Beispiel Umberto Ecos Streichholzbriefe kennt, dem ist diese Form des klugen Gegrübels vertraut. Stölzl gehört zu den Leuten, die alles, was sie lesen, im Kino oder im Theater sehen oder sonst wie wahrnehmen, bedenken müssen, kommentieren und analysieren, vorzugsweise schriftlich. Wie viel er vom Zeitgeist versteht, das verhehlt der Geschichtsprofessor an keiner Stelle, nicht, wenn er von seiner Rolex-Uhr und deren beständigem Widerstand gegen Moden erzählt und auch nicht in der Geschichte von seinem ersten Moped. Jahrzehnte später macht ihn reaktivierte Motorradbegeisterung, die er mit vielen älteren Herren teilt, zum Besitzer einer blauen BMW. Das Krad zündet bei ihm die einschlägigen Feuilletonistengedanken von der Ehrlichkeit des Motorrades und der Sinnlichkeit des Zweiradfahrens: „Alles kommt darauf an, ob Körper und Gerät zu einstimmigem Handeln verschmelzen.“

Doch findet man in dem Buch auch durchaus Überraschendes und Erstaunliches – manches, was man dem Mann im Tweedjackett nicht ohne weiters zugetraut hätte. Stölzl bekennt, dass er am Anfang der 80er Jahre mal ein Surfer war. Davor und danach allerdings wollte er mit Sport nichts zu tun haben und bedenkt und begründet das ausführlich. Stölzl erzählt eine Episode vom ersten Tag als Museumschef, der das Zeughaus zum Museum für deutsche Geschichte umbauen sollte: Wie er am 2. Oktober 1990 spätabends mit Sekt den Untergang der DDR feiern und die letzten Reste des im Zeughaus stationierten Wachregiments verabschieden wollte. Doch der Wachsoldat will davon nichts wissen und schlägt Stölzl die Tür vor der Nase zu: „Was wohl aus dem jungen Mann geworden ist, der zwei Stunden vor dem Ende der DDR noch nicht dran glauben mochte?“

Stölzl, das Buch zeigt es, kann von irgendwoher redend irgendwohin gelangen, vom bayerischen Dorffriedhof und seiner Grabstein- und Gedenkkultur zur deutschen Geschichte und von den Größen der Zeitgeschichte zur Erfindung der Neuen Wache, wie sie heute an den Linden steht. Alles hübsch und nett geschrieben: Erzählte Stölzl es einem beim Abendessen, man hätte seine Freude an dem klugen Plauderer und würde sich allenfalls still mal fragen, ob der eloquente Erzähler wohl irgendwann mal eine Pause einlegt. Das ist der Vorteil der Lektüre: Wann Pause ist, bestimmt der Leser.

Christoph Stölzl: Einmal Berlin und zurück. Verlag Bostelmann & Siebenhaar,14,80 Euro

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