Berlin : Politiker erfolgreich genervt

Bürgerplattform in Oberschöneweide war im Kampf um die Fachhochschule erfolgreich

Sabine Beikler

Oberschöneweider können ganz schön nerven. Immer wieder haben sie bei Bezirks- und Landespolitikern angerufen oder erschienen während der Plenarsitzungen im Abgeordnetenhaus, schnappten sich dort die Politiker und erinnerten sie an ihre Zusagen: den Campus-Ausbau der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) in Oberschöneweide. Seit 1999 hat die Bürgerorganisation „Menschen verändern ihren Kiez – Organizing Schöneweide“ dafür gekämpft. Mit Erfolg: Nach Aufs und Abs für das seit 1994 viel diskutierte FHTW-Projekt sicherte Ende Oktober die rot-rote Koalition die Finanzierung des neuen Campus zu. Trotz desolater Haushaltssituation. Was aber macht den Erfolg dieser Bürgerplattform aus, die in Berlin bisher einzigartig ist?

„Wir begegnen der Politik auf gleicher Augenhöhe“, sagt Gunther Jancke, der seit Oktober 2002 hauptberuflich als „Organizer“ der unabhängigen Plattform arbeitet. Im Gegensatz zu herkömmlichen Bürgerinitiativen, die häufig nur ein Ansinnen verfolgen, will die Plattform langfristig die gesamte Entwicklung Schöneweides mitbestimmen. „Wir fordern keine Spielplätze, sondern überlegen mit Wirtschaftsunternehmen oder Investoren, wie wir den Stadtteil wieder beleben können“, sagt Jancke. Die Plattform versteht sich als Teil des Gemeinwesens, das gut organisiert und mitverantwortlich den Entscheidungsträgern, also den Politikern, begegnet – und ihnen auch mal auf die Füße tritt.

Michael Sturm von der evangelischen Gossner Mission gehört zu den Initiatoren der Bürgerorganisation, die man als „Community Organizing“ bezeichnet. „Als AEG 1996 in Oberschöneweide zumachte, war es sehr frustrierend, mit anderen Gruppen etwas organisieren zu wollen.“ Die Initialzündung kam von Leo Penta, Professor an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen, der 1998 mit Studierenden in Oberschöneweide eine Projektarbeit über „Community Organizig“ begann. Penta lehrt Gemeinwesenarbeit und beschäftigt sich mit solch bürgerschaftlichem Engagement, das sich nicht laut, sondern leise äußert: keine spektakulären Aktionen, sondern Einzelgespräche mit anderen Bürgern und Verantwortlichen.

Inzwischen arbeiten Vertreter von 23 Organisationen in der Plattform mit: Kirchen, Unternehmen, Schulen, aber auch der Generationsklub KES (Kinder, Eltern, Senioren). Was erwartet sich KES von der FHTW im Kiez? Dass rund 6700 Studierende nach Oberschöneweide kommen, belebe die Kiez-Kultur, sagt KES–Leiterin Ines Schilling: mehr Cafés, Restaurants, mehr Menschen auf der Straße. Und um das zu erreichen, sagt Schilling, gehört es auch dazu, „Politiker zu nerven“.

Weitere Informationen zur Bürgerplattform unter Telefon 53002666 bei Gunther Jancke

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