Berlin : Politiker soll Parkbahn retten

Ex-Bürgermeister Ulbricht muss Projekt nach Missbrauchsfällen neu aufstellen Sonst ist der Titel „anerkannter Träger der Jugendhilfe“ weg – und das Geld.

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Foto: DavidsFoto: DAVIDS/Hohlfeld

Übernächstes Wochenende beginnt die Saison bei der Parkeisenbahn in der Wuhlheide. Dann werden 64 Kinder und Jugendliche wieder als Schrankenwärter, Zugführer oder Fahrkartenverkäufer arbeiten, angeleitet von rund 100 erwachsenen Ehrenamtlichen. Doch seit jahrelanger sexueller Missbrauch und ein System von Abhängigkeiten bekannt wurden, ist das Idyll zerbrochen. Es droht der Wegfall des Titels „anerkannter Träger der freien Jugendhilfe“ und damit der Wegfall staatlicher Fördermittel, wenn sich an der Organisationsstruktur der Parkeisenbahn nicht Grundlegendes ändert. Aus diesem Grund stellten die Beteiligten am Mittwoch ihre Pläne vor.

Die Ergebnisse sind eher dürftig, schließlich sind seit Bekanntwerden der Vorwürfe einige Monate vergangen. Immerhin soll nun binnen drei Monaten ein Konzept stehen, kündigte Klaus Ulbricht an. Der frühere SPD-Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick fungiert jetzt als Beauftragter für den Weiterentwicklungs- und Aufarbeitungsprozess. Die Parkeisenbahn sei mit 60 000 Fahrgästen pro Saison eine Attraktion, ein Paradebeispiel für bürgerschaftliches Engagement und ein wichtiges Projekt für technisch interessierte Kinder und Jugendliche, lobte Ulbricht erst, um dann den wunden Punkt anzuschneiden: Die bisherige Struktur sei hierarchisch. Wer aufsteigen wolle, müsse Prüfungen machen. „Hier ergeben sich Möglichkeiten für Missbrauch, nach dem Motto: Wenn du mir entgegenkommst, helfe ich dir über die nächste Hürde“, so Ulbricht: „Diese Möglichkeiten müssen verschwinden.“

In einem ersten Schritt würden jetzt je zwei Kinder, Jugendliche und Erwachsene als Vertretung gewählt, die an Entscheidungen zu beteiligen sei. Es gebe Präventionsveranstaltungen, Gespräche, es werde über Täterstrategien aufgeklärt, auch sei eine Kinderschutzbeauftragte installiert worden. Dringend nötig sei eine Professionalisierung und Veränderung der Grundstrukturen. „Es muss pädagogisches Know-how eingekauft werden“, sagte Ulbricht. Dafür auf Ehrenamtliche zu hoffen, sei unrealistisch. Die Personalausgaben müssten erhöht werden.

Wie das finanziert werden kann, blieb offen. Diese Problematik war zu Beginn des „Runden Tisches“ im November 2011 schon einmal Thema gewesen, echter Fortschritt ist kaum erkennbar. Ob es am Ende reichen wird, entscheidet das Jugendamt. „Ohne völlig neue Strukturen sehe ich aber keine Möglichkeit, dass die Parkeisenbahn ein anerkannter Träger der Jugendhilfe bleibt“, sagte der Leiter des Jugendamts von Treptow-Köpenick, Gernot Klemm. „Kein Kind kann hier mehr allein mit einem Erwachsenen sein.“ Sein Amt prüfe sehr genau, ob die Voraussetzungen erfüllt würden.

Parkeisenbahn-Geschäftsführer Ernst Heumann kündigte an, künftig tatsächlich kein Kind mehr mit einem Erwachsenen allein zu lassen. Der Bahnhof Eichgestell sei schon umgebaut worden; im Inneren ermöglichten jetzt große Glasscheiben Transparenz. Man werde auch kein Kind mehr zwingen, in der Hierarchie aufzusteigen, wenn es das selbst nicht wolle.

Zu dem Gespräch war auch Rechtsanwalt Christian Weitzberg gekommen, der eines der Opfer vertritt. Er erhob schwere Vorwürfe. „Ein paar Glasscheiben reichen nicht“, so Weitzberg. „Was passiert mit den Opfern? Sie werden abgewiesen, weitergereicht. Auch beim Runden Tisch sind keine Opfer vertreten.“ 100 Erwachsene hätten weggeschaut, jeder habe vom Missbrauch gewusst. Staatssekretärin Sigrid Klebba von der Senatsjugendverwaltung sagte, dass man zu einer Kultur des Hinschauens kommen müsse und lud Weitzberg zum Gespräch ein.

Parallel zum Prozess der Neuorganisation laufen vor Gericht die Strafprozesse. Insgesamt sieben Männer sollen sich jahrelang an Jungen vergriffen haben. Gegen drei wurden mittlerweile Bewährungsstrafen verhängt. Vier Prozesse stehen noch bevor.

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