• Politikersong „Sie suchen nach dem Morgen“: Eine ohrenbetäubende Geste für Flüchtlinge

Politikersong „Sie suchen nach dem Morgen“ : Eine ohrenbetäubende Geste für Flüchtlinge

Abgeordnete haben gemeinsam Lieder für Flüchtlinge aufgenommen. Die Idee ist gut - musikalisch ist sie ausbaufähig.

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Auftritt Politik. Fünf Männer, ein Song für Flüchtlinge.
Auftritt Politik. Fünf Männer, ein Song für Flüchtlinge.Screenshot/ TSP

Thomas Birk ist nicht nur Grünen-Abgeordneter mit dem Spezialgebiet digitale Verwaltung, sondern auch gelernter Schauspieler – und Sohn eines Krefelder Kirchenmusikdirektors. Da er zudem den Fraktionschor der Grünen leitet, war die Erkenntnis wohl unausweichlich, dass ein beherztes und lehrreiches Lied die Schicksale der Flüchtlinge fühlbar lindern könne. „Die Kernaussage, dass Flüchtlinge auf eine friedliche Zukunft für sich und ihre Kinder hoffen, soll rüberkommen“, sagt Birk zur Vorstellung eines Benefiz-Albums mit fünf Liedern zum Thema. Er selbst ist zur Flüchtlingsarbeit und zu den Grünen gekommen, als 1992 Asylbewerberheime brannten.

Auf YouTube gibt es eines dieser Lieder, live dargeboten, gratis zu sehen und zu hören: „Sie suchen nach dem Morgen“, das Birk zusammen mit den Kollegen Fabio Reinhardt (Piraten) und Hakan Tas (Linke), dem Unternehmer Daniel Worat und dem Textautor Donato Plögert singt. Reaktionen gibt es bereits: Am Dienstagabend war die Seite rund 1300 mal aufgerufen, elfmal positiv und 117 mal negativ bewertet worden. Auf Youtube war die Kommentarfunktion deaktiviert worden – die Gründe lassen sich denken.

Musikalisch zweifelhaft

Einer von ihnen mag die musikalische und textliche Qualität gewesen sein. Was die guten Menschen vom Abgeordnetenhaus da auf die Bühne gestellt haben, lässt an den bunten Abend im Seniorenstift denken; der flotte Gruppenname „Five 4 Refugees“ scheint noch das Modernste an der ganzen Aktion zu sein. Die klischeesatte Schlagermelodie von Altmeister Christian Bruhn – der immerhin die Kracher „Marmor, Stein und Eisen bricht“, „Wunder gibt es immer wieder“ und viele weitere Hits geschrieben hat – untermalt von nudelnder Heimorgel, dargeboten von ungelenk hüpfenden Sängern, ist reif für die Vorführung in der „Heute-Show“ und von den Hörgewohnheiten der Generation 70 minus so weit entfernt wie Syrien vom Lageso.

Mitsänger Fabio Reinhardt selbst verortet das Resultat ironisch „zwischen Hilfe und Kitsch“; Thomas Birk sagt: „Der Stil ist populär. Wir wollen eben auch Bevölkerungsgruppen erreichen, denen diese Musik gefällt, nicht nur Hochakademiker.“

Ob das was hilft?

Es ist allerdings nur schwer vorstellbar, dass irgendwo in Deutschland eingeschworene Flüchtlingsfeinde oder auch nur Schwankende sitzen, die sich zufällig aus musikalischen Gründen in das Lied verirren – und dann, geläutert von schlagkräftigen Zeilen wie „Doch der Morgen hat begonnen, wenn sie ihre Kinder lachen sehen“, ihre Meinung zu hinterfragen beginnen. Es sieht ein wenig danach aus, als habe es erst die Zusagen der wohlmeinenden Abgeordneten und dann das reale Projekt gegeben, dem sie sich nicht mehr höflich entziehen konnten.

Aber möglicherweise funktioniert die Aufnahme auf einer anderen Ebene: Heruntergeladen von Aufgeschlossenen, die der Flüchtlingsarbeit damit ein paar Euro zukommen lassen können. Das Album mit vier weiteren Songs gibt es zum kostenpflichtigen Download, die Einnahmen vom Auftritt in Charlottenburg gehen an den Chor „Berliner singen mit Flüchtlingen“. Und so mag dann die Anstrengung auch noch ein glückliches Ende haben – sofern bei Youtube die Kommentarfunktion weiterhin deaktiviert bleibt.

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