Berlin : Politischer Großbetrieb

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Eine große Gastwirtschaft mit angeschlossener Verwaltung“. Der Hausherr der baden-württembergischen Landesvertretung, Minister Rudolf Köberle, zitiert die Umschreibung seines Hauses mit Vergnügen. Sie stammt nämlich von Erwin Teufel, seinem Ministerpräsidenten, der sie der Vertretung bei ihrer Einweihung mit auf den Weg gegeben hat. Aber was heißt hier Wirtshaus? Was Verwaltung? Das Haus am Tiergarten spricht keinen Dialekt, schon gar kein Bürokraten-Deutsch. Es spricht die strenge Sprache moderner Architektur. Es soll Baden-Württemberg, so Köberle, als starkes Land präsentieren.

Doch in den weißen, kühlen Fluchten des Hauses hängt unüberhörbar das süddeutsche Idiom – schon, weil ein rundes Drittel der siebzig Mitarbeiter aus dem Land kommt. Die n der Räume buchstabieren seine Regionen, von Hohenlohe bis Bodensee. Natürlich heißen die beiden größten Baden und Württemberg, und sie vereinen sich im Empfangssaal, der den Namen Baden-Württemberg trägt – wie es vor 50 Jahren die Landesgeschichte fügte. Und im Obergeschoss, bevor sich das Haus zu einem Dachgarten aufschwingt, von dem man einen weiten Blick auf den Tiergarten hat, sind die Hausheiligen des Landes als Plastiken präsentiert – der markante Kopf von Theodor Heuss und jene Berühmtheiten, die Schiller, Keppler und Hegel, von denen es im Lande in aller Bescheidenheit heißt, sie seien „bei uns die Regel/die fallen gar nicht auf“.

Köberle, ein lebhafter Oberschwabe, früher Staatssekretär im Stuttgarter Kultusministerium, weist gern darauf hin, dass die Vertretung auch noch in anderen Bezügen steht. Hier befand sich das Haus von James Simon, dem großen Mäzen, dem Berlin so viel verdankt – unter anderem die Nofretete, die hier ihre erste Berliner Bleibe hatte. Selbst das Grundstück legt eine Spur ins Gestern: zu den früheren Gesandtschaften von Württemberg und Baden in der Hildebrandt- und Lenné-Straße. Da Baden-Württemberg diese Grundstücke nach 1945 nie verkaufte – wg. Treue zum Verfassungsauftrag der Wiedervereinigung? Oder dem schwäbischen „mir verkaufen nix“? –, konnte das Land nach 1990 für sie diesen Standort eintauschen.

Auch die Nachbarschaft steuert einiges zur Ortsbestimmung bei – jedenfalls wenn ein historisch empfindsamer Mann wie der einstige Studienrat Köberle auf sie blickt. Die Gedenkstätte in der Bendlerstraße – Graf Staufenberg war Württemberger. Die Österreichische Botschaft – der Süden Baden-Württembergs am Bodensee gehörte einmal zu Österreich. Und die indische Botschaft befriedigt immerhin die schwäbische Sehnsucht nach der weiten Welt. Als Abiturient war Köberle zum ersten Mal in Berlin. Nun schätzt er die „emotionale Ebene“ der Stadt.

Die Landesvertretung soll ein „Stück Baden-Württemberg mitten in Berlin“ sein. Das heißt nicht zuletzt, dass sie das Haus der Baden-Württemberger in Berlin ist. Das ist immerhin die größte Berliner Minderheit nach den Türken, rund 200 000 – und immer einmal bedürftig nach Trollinger, Maultaschen und süddeutscher Gemütlichkeit. Und dann gibt es die Berliner, die nicht Baden-Württemberger sind. Und die übrigen Deutschen, die auch Trollinger mögen. Und die ausländischen Botschaften, für die sich das Exportland Baden-Württemberg interessiert. Kurz: Die Gastwirtschaft ist in Wahrheit ein kleiner Groß-Betrieb in Baden-Württemberg-Lobbying – 60 000 Besucher im Jahr, tausend Veranstaltungen.

Ein Eckstein auf der politischen Bühne ist sie auch. Baden-Württemberg koordiniert im Bundesrat die Unions-Länder. Die Landesvertretung ist deshalb zum Beispiel Gastgeberin des Frühstücks, das am Donnerstag in den Sitzungswochen stattfindet. Das sind so die Rituale des Föderalismus. Seine Schauseite sind die Veranstaltungen. Da hatte Baden-Württemberg schon in Bonn einen bedeutenden Ruf. Nun gibt es die berühmten Weinproben und die allemannische Fasnet und die Ausstellung für Hermann Hesse in Berlin. Die Stallwächterparty, bei der diejenigen eingeladen sind, die im Sommer am Regierungssitz die Stellung halten, geht übrigens ins 39.Jahr.

Baden-Württemberg, bei aller Bescheidenheit, wollte sich in Berlin nicht verstecken. So ist es ein imposantes Haus geworden, an dem schon der gewaltige Trichter des Eingangsportals verblüfft. Ist es – wie so manches im neuen Berlin – zu groß geraten? Aber das Raumprogramm – versichert der Architekt – sei etwa 1 : 1 von Bonn nach Berlin übertragen worden. Und der Geist des Hauses? Gerührt registriert man, dass in der hohen Eingangshalle der Wandteppich hängt, der schon in Bonn Hunderte von Empfängen, Vorträgen und Festen begleitete. Etwas klein ist er geworden, aber in dem kunstvoll verrätselte Gewebe liest man noch immer das schöne Wort: „In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf zum Leben“. Hölderlin-Töne, Herztöne, aus dem Innersten Schwabens. Und die Stehtische in der Eingangshalle sind von den Kreishandwerker-Innungen zwischen Ravensburg und Heilbronn gestiftet.

Hermann Rudolph

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