Politisches Engagement : Die Jugend will Frieden

Eine Stiftung organisiert Begegnungen junger Israelis und Palästinenser in Berlin. Und anders als ihre Regierungen schließen diese schnell Freundschaft.

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Gegner nur auf der Bühne. Die Darsteller aus Israel und Palästina verstehen sich.
Gegner nur auf der Bühne. Die Darsteller aus Israel und Palästina verstehen sich.Foto: DAVIDS

BerlinWenn palästinensische, israelische und deutsche Jugendliche gemeinsam die „West Side Story“ aufführen, die Geschichte zweier verfeindeter Cliquen, der Jets und der Sharks, wer spielt dann die Jets und wer die puertoricanischen Sharks? Wer hier auf das Klischee setzt und den Palästinensern die Rolle der Sharks zuweist, liegt falsch. Alle spielen alles, die Rollen sind doppelt und dreifach besetzt, die Nationalitäten wechseln sich ab, bis man nach kurzer Zeit völlig vergessen hat, wer wer ist. Nur an der Sprache kann man sie noch erkennen. So geschehen im voll besetzten Saal der Saarländischen Landesvertretung in Berlin, als Jugendliche aus den drei Nationen Auszüge aus dem Musical spielten, immer wieder unterbrochen von Szenenapplaus. Und in der ersten Reihe saß friedlich ein Vertreter der israelischen Botschaft neben dem Delegierten Palästinas – ein nicht alltäglicher Anblick.

Ermöglicht hat diesen beeindruckenden Abend die Talat-Alaiyan-Stiftung, die 2003 von der damals in Saarbrücken lebenden deutschen Ärztin palästinensischer Herkunft, Halima Alaiyan, in Erinnerung an ihren früh verstorbenen Sohn gegründet wurde. Ziel ihrer Stiftung ist es, israelische, palästinensische und deutsche Jugendliche in Deutschland für zehn bis 14 Tage zusammenzubringen. Der saarländische Ministerpräsident Peter Müller hatte damals die Schirmherrschaft übernommen, und seine Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer setzt die Unterstützung fort, obwohl Halima Alaiyan nach Berlin gezogen ist. Ihre Lebensgeschichte füllt ein ganzes Buch: „Vertreibung aus dem Paradies“. Aus dessen Erlös finanziert sie die Stiftung. Der Beauftragte der Landesregierung und Hausherr, Jürgen Lennartz, erinnerte an dieses schwere Leben. Die Idee zu ihrer Stiftung hatte ihr die deutsch-französische Aussöhnung gebracht.

Normalerweise gehört auch ein Besuch in Saarbrücken und das gemeinsame problemlose Überschreiten der deutsch-französischen Grenze zum Programm, um den Jugendlichen zu zeigen, dass ehemalige Feinde Freunde werden können. Dieser Programmpunkt musste jetzt aus Geldmangel ausfallen. Die diesjährige Begegnung von je fünf Jugendlichen aus Tel Aviv, Jaffa und Bethlehem sowie Schülern des Canisius-Kollegs und der John-F.-Kennedy-Schule finanzieren die saarländische Landesregierung, das Auswärtige Amt, die Telekom, Siemens und private Spender.

„Eure Entscheidung, an diesem Treffen teilzunehmen, war bestimmt nicht einfach. Ihr verdient unsere Anerkennung für eure Neugier, den anderen persönlich kennenlernen zu wollen. Ich bewundere, dass ihr den Willen und das Ziel habt, miteinander friedlich zu leben und einander Respekt und Achtung entgegenzubringen“, sagte Alaiyan zur Begrüßung.

Die Liebe siegt. Jugendliche aus Israel, Palästina und Deutschland spielten Szenen aus der „West Side Story“ in der Saarländischen Landesvertretung. Fotos (2): Davids / Dominique Ecken
Die Liebe siegt. Jugendliche aus Israel, Palästina und Deutschland spielten Szenen aus der „West Side Story“ in der Saarländischen...Foto: DAVIDS

Wer nun erwartet, dass sich die Jugendlichen misstrauisch begegnen, sieht sich angenehm überrascht. So wie die Jugendlichen auf der Bühne sich schnell gemischt hatten und nur an ihrer Sprache zu erkennen waren, so zeigten sie sich im Gespräch offen, neugierig und versöhnlich. „Die Gewalt in unserer Region ist schlecht“, sagte ein Palästinenser, „wir wollen uns im Dialog verständigen.“ Und ein anderer ergänzte: „Wir wollen eine Brücke der Liebe über die Mauer bauen.“ Danielle aus Tel Aviv sagte unter Beifall: „Wir suchen die Menschen, nicht die Stereotypen. Jeder denkt, dass der andere schlecht über einen denkt, und das denkt der aber auch. Alle wollen Frieden, und dass krummes Denken nicht zum Ziel führt, haben wir gelernt.“

Obwohl sie erst vier Tage zusammen sind, haben sie sich schnell verständigt und Freundschaft geschlossen. „Meine Eltern sind die Situation leid, sie suchen etwas, um das Problem zu lösen und finden es gut, dass ich hier bin“, sagt ein Junge. Eine Palästinenserin erzählt, dass ihre Familie sehr gelitten und die Nase voll vom Krieg habe, ihre Eltern unterstützten sie. Freunde und Bekannte seien gegen ihre Teilnahme gewesen. „Es ist für sie eine Herausforderung.“ Die Jugendlichen haben sie jetzt schon gemeistert. Nasser bestätigt das: „Wir lieben uns. Die Regierungen sollen das ruhig erfahren. Das Töten ist das Schlimmste bei uns.“

Die Jugendlichen beider Länder misstrauen ihren jeweiligen Regierungen und Medien. „Es wird nicht immer die Wahrheit gezeigt, das Bild ist nicht fair“, sagt Claydia aus Bethlehem. Thomer aus Tel Aviv hatte eigentlich die Nase voll von Politik, es bringe nichts. Aber hier habe er viel aus den Erzählungen der Palästinenser gelernt. „Ich wusste nicht viel von Mauern. Die Mauer bei Bethlehem ist acht Meter hoch, die Berliner Mauer vielleicht drei Meter. Ich war überrascht, dass sie nur begrenzt Wasser bekommen. Ich will wissen, warum. Ich habe jetzt Freunde in Bethlehem, und ich will sie dort sehen“, sagt er.

Die Jugendlichen bekommen viel geboten, einen Besuch der Jüdischen Oberschule und der Jüdischen Gemeinde, einen christlichen Gottesdienst, einen Besuch beim Delegierten Palästinas sowie Gespräche im Roten Rathaus und im Bundestag, sie fahren in die Gedenkstätte Sachsenhausen und nehmen an den Gedenkfeiern zur Pogromnacht 9. November teil. 380 Jugendliche, die sich in ihrer Heimat in der Regel nur per E-Mail und Facebook verständigen können, haben seit 2004 dieses Programm durchlaufen.

Ein Senfkorn ist gesät, diese Jugendlichen werden ihre Gespräche in Deutschland nicht vergessen und in ihren Familien und Freundeskreisen für Frieden und Verständigung werben. Eine starke Stiftung kann mit mehr Unterstützung so noch mehr zum Frieden beitragen.

Weitere Informationen unter www.talat-alaiyan.de. Die „West Side Story“ wird am heutigen Donnerstag um 19 Uhr vollständig an der John-F.-Kennedy-Schule am Teltower Damm 87-93 in Zehlendorf gezeigt. Der Eintritt ist frei, Spenden sind erwünscht.

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