Politologin : Revolte wie in Paris derzeit in Berlin unwahrscheinlich

Eine soziale Jugendrevolte wie in Frankreich und speziell in den Pariser Vorstädten hält die Politologin Sabine von Oppeln derzeit in Berlin für unwahrscheinlich.

Berlin - «Wir haben tendenziell dieselben Probleme wie Frankreich mit der hohen Arbeitslosigkeit, der sozialen Spaltung der Gesellschaft und einer geteilten Bildungspolitik, aber noch nicht in der Zuspitzung», sagte die Frankreich-Expertin der Freien Universität in Berlin am Montag in einem dpa-Gespräch. Völlig ausschließen könne sie jedoch nicht, dass der Funke des Aufstands von Frankreich auf andere europäische Länder überspringe.

Deutschland biete jedoch in einigen Punkten bessere Voraussetzungen als Frankreich, sagte die Politikwissenschaftlerin. «Die soziale Schere klafft in Frankreich sehr viel mehr auseinander als bei uns». Zudem seien Bildungsabschlüsse in noch viel höherem Maße als in Deutschland von der sozialen Schicht abhängig. Der wichtigste Unterschied zu Deutschland bestehe jedoch im Stadtbau. Seit den 70er Jahren seien in Frankreich rund um alle großen Städte «grauenvolle Vorstädte (Banlieus) entstanden. Das sind seelenlose Betonburgen. Dagegen sind die Plattenbauten in Berlin-Marzahn hübsch», unterstrich von Oppeln.

Das französische Bildungssystem schaffe noch mehr soziale Ungleichheiten als bei uns. «Es gibt sehr gute Schulen in Frankreich, aber nur in den sehr guten Vierteln, in denen keine Einwanderer wohnen.» Wer keine gute Ausbildung vorweisen kann, bekomme in Frankreich kaum Jobs. «Die Jugendarbeitslosigkeit ist in Frankreich noch höher, fast jeder vierte Jugendliche ist betroffen.» Einwandererkinder könnten sich die bekannten Universitäten und Elite- Hochschulen nicht leisten.

Ferner befinde sich das französische Integrationssystem seit den 90er Jahren in der Krise. Die schnellere Einbürgerung von Ausländern nach dem «jus soli» (Bodenrecht: Wer in Frankreich geboren ist, erhält die Staatsbürgerschaft) sei gekoppelt mit einem hohen Anspruch an Assimilation, was bedeute, sich möglichst ganz an Kultur und Gesetze Frankreichs anzupassen. «Diese Assimilationskraft hat Frankreich jedoch seit den 80er Jahren zunehmend verloren. Und auch die Einwanderer sind immer weniger bereit dazu, sie empfinden das als Vergewaltigung», sagte von Oppeln.

Die Politologin unterstützte die Einschätzung von Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), dass solche Revolten hier in 10 bis 15 Jahren möglich seien. «Das unterschreibe ich in voller Linie, wenn bei uns nicht gezielt gegengesteuert wird.» Von Oppeln forderte eine besser mit Integration gekoppelte Bildungspolitik, die Jugendlichen aus Einwandererfamilien mehr Chancen biete. «Die soziale Integration hängt wesentlich von Arbeitsplätzen ab.» In einer Stadt wie Berlin müsse auf die soziale und nationale Durchmischung der Klassen geachtet werden. «Es dürfen nicht mehr Schulen mit 60 bis 90 Prozent Ausländerkindern entstehen.» (tso/dpa)

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