Berlin : Polizei glaubte den Lügen des Todesfahrers – und ließ ihn laufen

Er hatte Giftfässer im Wald abgeladen und eine Rentnerin überfahren. Die Beamten überprüften seine falschen Angaben nicht. Jetzt ist der Mann ins Ausland geflüchtet

Jörn Hasselmann

Im abgelaufenen Jahr zählte die Polizei insgesamt 77 Verkehrstote. Erst in dieser Statistik tauchte Gudrun G. jetzt auf – als 50. Opfer des Jahres 2003. Als die 67-Jährige im August von einem Lastwagen angefahren wurde, meldete die Pressestelle der Polizei diesen Unfall, der auch eine Unfallflucht war, nicht – als einzigen im Jahr. Wieso dies der Öffentlichkeit vorenthalten wurde, konnte die Polizei gestern nicht sagen. Dabei ist der Unfall in vielerlei Hinsicht tragisch und bizarr. Und zumindest bemerkenswert ist das Verhalten zweier Polizisten.

Gudrun G. radelt mit ihrem 26er-Damenrad am 20. August vormittags um 10.20 Uhr am Müggelheimer Damm entlang, auf dem Radweg. In Höhe der BVG-Haltestelle „Chausseehaus“ kommt Miha B. mit seinem Siebentonner aus einem Waldweg heraus. Der Slowene, er ist als „Tourist“ in Berlin, passt nicht auf und fährt die in der Nähe wohnende Gudrun G. um. Miha B. steigt aus dem Führerhaus des MAN-Pritschenwagens. Zufällig nähert sich gerade ein privater Krankentransportwagen. Ob Miha B. winkt oder die Sanitäter von alleine stoppen, ist unklar. Der Krankenwagen bringt die Schwerverletzte ins zwei Kilometer entfernte DRK-Krankenhaus Köpenick. Miha B. lädt das Damenrad auf seinen Lastwagen und fährt hinterher. Im Krankenhaus hört eine Krankenschwester aus den wenigen deutschen Brocken, die Miha B. kann, das Wort „Unfall“ heraus. Sie ruft die Polizei, der Abschnitt 66 schickt eine Funkstreife.

Der 24-Jährige zeigt den beiden Beamten seinen slowenischen Führerschein und seinen slowenischen Pass. Da der in Ljubljana geborene Mann in Berlin als Tourist offiziell keine Wohnung haben darf, gilt er als „ofW“, als ohne festen Wohnsitz. Miha B. erzählt den Beamten aber, wo er wohnt: „Pariser Straße 240, 10240 Berlin“. So schreiben es die Beamten in das Protokoll, ebenso das Kennzeichen des Lastwagens, der ihm nicht gehört. Doch die Adresse stimmt ebenso wenig wie seine Angabe, er habe im Waldweg nur gewendet. Die beiden Pariser Straßen in Berlin haben nur etwa 60 Hausnummern und andere Postleitzahlen. Das merken die Polizisten nicht, sie fragen auch nicht in der Zentrale nach. Miha B. darf mit dem 13 Jahre alten Lkw davonfahren. Die Polizisten ketten das Fahrrad von Gudrun G. vor der Klinik an und benachrichtigen ihren Mann.

Den Ärzten wird schnell klar, dass Gudrun G. allerschwerste Kopfverletzungen hat. Sie wird verlegt ins Uniklinikum; dort stirbt sie am 25. August an der Hirnblutung.

In den Tagen nach dem Unfall wird der Polizei zweierlei klar: Der Unfallfahrer Miha B. hat sie mit der Adresse Pariser Straße an der Nase herumgeführt. Und auch das angegebene Wendemanöver war erlogen. Am späten Nachmittag des Unfalltages nämlich entdeckt ein Förster im Wald Giftmüll. In den Jagen 436 und 437 liegen 40 Fässer mit Farben, Lösungsmitteln und Chemikalien. Da die Fässer unachtsam von einem Lkw geworfen wurden, sind einige ausgelaufen; ein Trinkwasserbrunnen wird vergiftet. Die Umweltkripo übernimmt die Ermittlungen. Und siehe da: Der Giftlaster war auch das Unfallauto. Dieser MAN gehört einem in Neukölln wohnenden Mann, der ihn als Strohmann für eine Firma angemeldet haben soll. Für diese soll Miha B. die Fässer in den Wald gekippt haben. Der „Tourist“ merkt, dass die Fahnder ihm auf den Fersen sind. Am 26. August wird er zuletzt gesehen. Dann flieht Miha B. in seine Heimat Slowenien. Dort kann der Haftbefehl nicht vollstreckt werden.

Der Chef der gutgläubigen Beamten, Polizeioberrat Michael Scharnowski, erfuhr erst vom Tagesspiegel von dem Fall. Am Montag will er die Polizisten befragen. Unter Kollegen schwanken die Kommentare zwischen „absolut unprofessionell“ und „äußerst schwacher Leistung“.

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