Berlin : Polizei: Grüne wollen Reiterstaffel zügeln

Werner Schmidt

Totgesagte leben bekanntlich länger. Die Reiterstaffel der Polizei ist der lebende Beweis dafür. Die seit Jahren unternommenen Versuche, die kostenträchtige Abteilung der Polizei abzuschaffen, sind immer wieder gescheitert. Jetzt unternehmen die Bündnisgrünen einen erneuten Vorstoß, die Vierbeiner aufzulösen und ihre Reiter in anderen Bereichen der Polizei unterzubringen. Bisher scheinen die Grünen mit dieser Forderung allerdings allein auf weiter Flur dazustehen. In der zuständigen Innenverwaltung hat man sich noch keine Gedanken weiter darüber gemacht. Es werde in den nächsten Wochen eine Strukturdebatte geben und anschließend werde man sicher auch aus den Vorschlägen anderer Bereiche dann ein "Paket schnüren", hieß es bei der Innenverwaltung.

Selbst bei den Grünen gab gestern deren Finanzpolitischer Sprecher, Burkhard Müller-Schoenau zu, dass es sich "mehr um eine symbolische Aufgabe" handele, denn allein mit der Auflösung der Reiterstaffel sei das Milliardenloch im Berliner Haushalt nicht zu stopfen. Allerdings befinde man sich mit der Idee in guter Gesellschaft mit Mummert und Partner. Die Unternehmensberatung, die die Organisationsstruktur der Polizei untersucht hatte, war vor kurzem zu dem Schluss gekommen, dass mit der Auflösung der Reiterstaffel jährlich 8,5 Millionen Mark gespart werden könnten. SPD-Chef Klaus Böger bewahrte schließlich die Tiere vor Gnadenbrot und Abdecker.

Als SPD-Spitzenkandidat setzte er sich im Wahlkampf 1998 zwar nicht auf eines der Rösser, aber für sie ein. Die bei vielen Kritikern als teurer Luxus einiger weniger Polizisten, die ihr Hobby im Dienst ausüben dürfen, bezeichnete Reiterstaffel, gewann die uneingeschränkte Sympathie Bögers. Und mit seiner Äußerung: "Das nicht nur respekteinflößende Dienstpferd stellt als Sympathieträger in der Regel das mildeste polizeiliche Mittel dar ...", sicherte sich Böger wiederum die Sympathien zahlreicher Befürworter der Reiterstaffel.

Am schärfsten hatte den Pferden und ihren Reitern der Wind 1996 ins Gesicht geblasen. Damals hatte der Landesrechnungshof Maß genommen und eine Reduzierung der äußerst kostenaufwendigen, aber als wenig effektiv eingestuften Reiterstaffel verlangt. 213 000 Mark kostete damals nach Berechnungen der Rechnungsprüfer jedes der 65 Polizeipferde - 13,9 Millionen Mark insgesamt. Die der Kosten-Nutzen-Rechnung blieben für die Pferde und ihre Reiter eine unüberwindbare Hürde. Lediglich 114 Anzeigen im Jahr hätten die Reiter erbracht - täglich eine halbe. Zugrunde legte der Rechnungshof seinerzeit die Zahl von 1994.

Den erhobenen Zeigefinger des Rechnungshofes quittierte die Polizei mit einem neuen Konzept für die Reiterstaffel. 20 Tiere wurden abgeschafft, 21 Planstellen gestrichen, die Kosten von 13,9 Millionen auf 8,5 Millionen reduziert und die Einsatzbereiche erweitert. Statt fast ausschließlich in den Wäldern nach Recht und Ordnung zu sehen, mussten die Beamten nun auch durch die Innenstadt reiten, sich am Brandenburger Tor sehen lassen, in Wohngebieten Streife reiten und Demonstrationen begleiten. Kam es zu Ausschreitungen mussten sich die Reiter allerdings zurückziehen. Die 8000 bis 14 000 Mark teuren Tiere sollten keiner Gefahr ausgesetzt werden.

Im Mai 1970 waren nämlich bei einer gewalttätigen Demonstration zwei Pferde so schwer verletzt worden, dass man ihnen an Ort und Stelle den Gnadenschuss geben musste. Seither setzte die Polizei keine Pferde mehr bei Demonstrationen mehr ein, bei denen mit Gewalttätigkeiten gerechnet werden muss.

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