Berlin : Polizei ist alarmiert: Immer mehr Eltern quälen ihre Kinder

Dramatische Zunahme der Fälle von Misshandlung Landeskriminalamt startet Plakatkampagne

Annette Kögel

Das Motiv gehen unter die Haut: Das Plakat zeigt ein Kreuz, am Boden eine Nuckelflasche. Darüber steht: „Geboren, gequält, gestorben.“ Das Poster gehört zu der neuen, mehrsprachigen Kampagne der Polizei gegen die Misshandlung Schutzbefohlener. Denn in keiner anderen deutschen Stadt werden so viele Fälle bekannt, bei denen Kinder gequält und geschlagen werden wie in Berlin – und die Zahl nimmt drastisch zu. Registrierte die Polizei im ersten Halbjahr 2003 noch 205 Fälle von Misshandlung Schutzbefohlener bis 18 Jahre, waren es von Januar bis Juli 2004 schon 252 Fälle. Das ist eine Steigerung um 23 Prozent, sagt der zuständige Dezernatsleiter beim Landeskriminalamt, Michael Havemann.

Im Jahr 2002 kamen fünf Kinder ums Leben, weil Mutter oder Vater sie schlugen, quälten, schüttelten. Erst kürzlich wurde eine Mutter aus Spandau verurteilt: Sie hatte die kleine Marie monatelang ans Bett gefesselt und misshandelt. „2004 hatten wir zum Glück noch keinen Todesfall“, sagt Havemann. Aber was seine Kollegen in Wohnungen in meist problematischem sozialen Milieu sehen, ist erschreckend genug. Meist stößt die Polizei selbst auf misshandelte Kinder – Mütter, Verwandte oder Nachbarn zeigen solche Taten nur selten an.

Ob mehr Kinder gequält oder nur mehr Fälle angezeigt werden, kann selbst die Polizei nicht genau sagen. Ein entscheidender Grund für die Zunahme liegt sicher darin, dass die Polizisten infolge des neuen Schutzgesetzes gegen häusliche Gewalt das Recht erhielten, Täter aus der Wohnung zu verweisen. „Da passiert es jetzt häufiger, dass uns eine Frau ruft, weil ihr Mann sie geschlagen hat – und dann fallen uns misshandelte Kinder auf.“

Skrupel kennen die meist männlichen Täter nicht. Sie peitschen Sohn oder Tochter mit dem Bambusstock aus dem Pflanztopf oder mit dem Bügel. „Manchmal befiehlt der Vater dem Kind sogar, den Kochlöffel zu holen.“ Auf Misshandlung – darunter fällt auch seelische Gewalt – stehen sechs Monate bis zehn Jahre Gefängnis. Im ersten Halbjahr 2004 wurden in Berlin 186 Kinder bis 14 Jahre misshandelt, fast ein Drittel mehr als im Vergleichszeitraum 2003. Zudem gab es von Januar bis Juli 2004 insgesamt 107 Fälle, bei denen zumeist überforderte Mütter ihre Fürsorgepflicht vernachlässigten, eine Zunahme um neun Prozent. Doch die Dunkelziffer ist hoch: Die Polizei schätzt, dass nur jeder 20. Fall gemeldet wird.

Es gebe aber immer mehr aufmerksame Ärzte, Schwestern, Kita-Erzieherinnen. „Auch die Berichterstattung in den Medien über grausame Taten sensibilisiert die Menschen“, sagt Havemann. Auch die Plakate sollen aufrütteln. Denn oftmals fürchten Nachbarn fälschlicherweise, als Denunzianten dazustehen. Havemann: „Die rufen meist erst an, wenn die Schreie so laut sind, dass sie das Fußballspiel im Fernsehen nicht mehr hören können.“

Notfälle unter 110 melden. Rat wird auch anonym unter 4664-912555 erteilt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben