Polizei & Justiz : Alles abgestritten

Ein Raser überfuhr einen 77-jährigen Touristen Die Polizei hat den Halter des Wagens ermittelt

Jörn Hasselmann

Einen Tag nach dem tödlichen Rotlicht-Unfall vor dem Sony-Center ist der Unglückswagen sichergestellt worden. Das BMW-Cabrio stand im Tempelhofer Kleineweg – fast direkt hinter dem Landeskriminalamt. Der Halter des sehr seltenen und teuren Modells bestreitet jedoch gefahren zu sein. Angaben, wer den Wagen stattdessen benutzt haben könnte, machte er aber nicht.

Wie berichtet, war der 77-jährige Berlin-Tourist Johannes K. am Samstagabend überfahren worden, als er bei grüner Fußgängerampel die Potsdamer Straße überqueren wollte. Er starb noch an der Unfallstelle. Seine Frau, die neben ihm ging, erlitt einen schweren Schock. Zeugen berichteten, dass der Wagen sehr schnell gefahren sei, weit schneller als die erlaubten 30 Stundenkilometer. Ohne anzuhalten, war der Wagen Richtung Leipziger Platz weitergefahren. Da sich Zeugen die entscheidenden Teile des Kennzeichens merken konnten, wurde der Halter schnell ausfindig gemacht. Die Staatsanwaltschaft verweigerte am Montag jede Auskunft zu dem Fall. Der Wagen wird jetzt von der Kriminaltechnik untersucht, ob die am Unfallort gefunden Teile zu dem Wagen passen. Zudem wollen Experten auch Fingerabdrücke und DNA-Spuren im Innenraum sichern, vor allem am Lenkrad.

In diesem Jahr starben bereits acht Menschen nach der Missachtung einer roten Ampel: In sechs Fällen waren die Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer selbst Schuld – sie hatten die rote Ampel missachtet. So wie Johannes K. war im Februar ein 22-Jähriger Autofahrer durch einen betrunkenen Rotlicht-Raser getötet worden. Er hatte sich Stunden später der Polizei gestellt, weil er ahnte, dass ihm die Kriminaltechnik ohnehin schnell auf die Spur kommen würde.

Tatsächlich genügen der Polizei kleinste Lack- oder Glassplitter, um Typ und Baujahr eines Fahrzeuges zu ermitteln. Dazu gibt es beim Bundeskriminalamt Datenbanken mit zehntausenden Referenzmustern. Mit dem Ergebnis wird der Computer im Kraftfahrt-Bundesamt gefüttert – und der druckt eine Liste aller in Berlin zugelassenen Wagen aus.

Auch in diesem Jahr setzt sich der Trend zu immer aggressiveren Rotlichtverstößen fort. Im vergangenen Jahr gab es ein Plus von etwa 15 Prozent bei Unfällen mit Verletzten. Dennoch soll die Zahl der derzeit 18 fest installierten „Blitzer-Ampeln“ nicht mehr steigen – weil das Geld fehlt. Die Polizei bedauert dies: „Je mehr geblitzt wird, desto größer ist der Lerneffekt“, sagte ein Beamter. Die letzte Anlage war im Februar an der Kreuzung Kurfürstenstraße / Schillstraße aufgestellt worden. Dort werden monatlich 500 Fahrzeuge bei Rotlichtverstößen geblitzt – im Jahr also 6000. Da das Bußgeld mindestens 50 Euro beträgt, bringt das eine Gerät der Landeskasse jährlich 300 000 Euro ein. Den Berliner Rekord hält die Anlage an der Ecke Bismarckstraße / Leibnizstraße mit 24 000 Blitzen im Jahr.

Rotlicht-Raser dürften sich über eine schlechte Nachricht der Polizei freuen: Die im Frühjahr der Öffentlichkeit als große Errungenschaft präsentierte mobile Rotlicht-Überwachung funktioniert nicht. Damit wollte die Polizei jeden Tag eine andere Kreuzung überwachen – weil die fest installierten Geräte schnell bekannt sind. Jörn Hasselmann

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