Analyse : Experte: Kein Korpsgeist bei der Polizei

Immer wieder geraten Polizisten unter Verdacht, aus Korpsgeist ihre Kollegen zu decken. Zumindest könne man von einem sehr starken Gruppenzusammenhalt sprechen, meinen Experten. Doch auch bei der Polizei gibt es ein Umdenken.

Sigrid Kneist

Durch die Ermittlungen gegen den Zivilfahnder Reinhard R. wegen der tödlichen Schüsse in Schönfließ kommen Zweifel an den Aussagen der beiden anderen am Einsatz beteiligten Beamten auf. Sie wollen inmitten der Silvesterknallerei nichts mitbekommen haben. Das wirft die Frage auf, ob sie das Verhalten ihres Kollegen decken wollen. Mit dem Verdacht des falsch verstandenen Korpsgeistes muss sich die Polizei immer wieder auseinandersetzen, beispielsweise nach unverhältnismäßigen Einsätzen bei Großdemonstrationen. So dokumentierten Bilder vom Einsatz am 1. Mai 2007 in Kreuzberg genau, wie ein Mitglied einer bestimmten Einheit auf eine am Boden liegende Frau einprügelt; aber keiner der Kollegen will den Beamten erkannt haben. Die Ermittlungen mussten eingestellt werden.

Von Korpsgeist bei der Polizei will Rafael Behr, Professor an der Hamburger Hochschule der Polizei, nicht sprechen. "Mit diesem Begriff versucht man zu schnell, zu viel zu erklären", sagt Behr. Korpsgeist hieße, dass es dieses Phänomen durchgängig durch den gesamten Polizeiapparat gibt; dies sei aber nicht der Fall. Gleichwohl gibt es laut Behr, der vor seiner akademischen Laufbahn bei der hessischen Bereitschaftspolizei gearbeitet hat, in Polizeieinheiten "eine geschlossene Gemeinschaft", in der man eine "defensive Solidarität" übe und sich gegen Kritik von außen abschotte. Man empfinde sich als eine Gefahrengemeinschaft, die sich unbedingt aufeinander verlassen muss. "Es gibt keine Fehlerkultur", sagte Behr. Man sei fest davon überzeugt, zu den Guten zu gehören. Außerdem werde Außenstehenden abgesprochen, zu wissen, "was für einen Job wir machen". Nach wie vor gebe es Bereiche bei der Polizei, beispielsweise bei Sondereinheiten oder Teams mit besonderen Aufträgen, wo auch die Polizeiführungen wenig Eingriffsmöglichkeiten haben. In der Gruppe werde "unbedingte Solidarität" gefordert. Allerdings würden die Grenzen diser Solidarität nicht definiert.

Die Gruppe wird als lebensnotwendig empfunden

Von einem sehr starken Gruppenzusammenhalt spricht auch Birgitta Sticher, Professorin für Psychologie und Führungslehre an der Berliner Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege, an der die Polizisten des gehobenen und höheren Dienstes ausgebildet werden. Dieser sei umso stärker ausgeprägt, je mehr die Polizisten in der täglichen Arbeit auch Bedrohungen ausgesetzt seien. Die Gruppe werde als lebensnotwendig empfunden.

Gleichwohl beobachtet Sticher, dass es in den letzten Jahren bei der Polizei ein deutliches Umdenken beim Umgang mit Übergriffen von Kollegen gegeben habe. Noch vor wenigen Jahren hätten künftige Polizisten bei Seminaren geäußert, dass Beamte, die Übergriffe etwa bei Demonstrationen meldeten, "Kollegenschweine" seien. Als Beleg für ein Umdenken nannte sie die Ermittlungen vor allem gegen die Führungsbeamte einer Hundertschaft wegen des Verdachts der Körperverletzung im Amt. Die Beamten sollen sich mit "Quarzhandschuhen", die schwere Verletzungen hervorrufen können, ausgerüstet haben. Mehrere Kollegen hätten dies nicht mehr decken wollen und Anzeige erstattet. Sticher lobte ausdrücklich das Engagement von Polizeipräsident Dieter Glietsch, derartige Vorfälle aufzuklären. Sigrid Kneist

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