Angeklagter bricht Schweigen : Überraschung im Prozess um Pokerraub

Im Prozess um den spektakulären Pokerraub am Potsdamer Platz hat einer der beiden mutmaßlichen Drahtzieher sein Schweigen gebrochen. Er sieht sich unschuldig und fordert den Mitangeklagten zu einem Geständnis auf.

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Plötzlich wollte er reden. „Ich habe so lange gewartet, weil ich kein Anscheißer bin“, begann Mohammed Abou-C., genannt „Momo“, seine Aussage. Seit fast 17 Monaten sitzt er als einer von zwei mutmaßlichen Drahtziehern des Pokerraubs vom Potsdamer Platz im Gefängnis und seit einem Jahr gemeinsam mit Ibrahim El-M., genannt „Ibo“, vor Gericht. Beide hatten zunächst geschwiegen. Nun belastete Abou C. seinen langjährigen Freund schwer, nun verlangt einer vom anderen, er möge „die Wahrheit sagen“.

Mohammed Abou-C. nahm im März 2010 an dem internationalen Pokerturnier im Hyatt-Hotel teil. 5300 Euro waren sein Einsatz. Am zweiten Tag aber flog er raus. „Es kam mir getürkt vor, ich war sauer“, erklärte er am Dienstag. Er, der von einem Millionengewinn geträumt hatte, blieb nur Zuschauer. „Das Geld lag da rum wie Gemüse auf der Straße“, sagte der Mann aus einer polizeibekannten Großfamilie. Er will später mit einem Freund am Kneipentisch überlegt haben, dass man sich das Geld leicht holen, es dem Boten wegnehmen könnte, wenn der damit über die Straße geht. Mehr aber sei nicht gewesen. „Aber Ibo hat im Café mitgehört“, sagte „Momo“.

Nach Version des 32-jährigen Abou-C. war es der 30-jährige El-M., der die Idee aufgriff. Abou-C. will versucht haben, ihn zu stoppen. „Bist du bescheuert“, habe er zu seinem langjährigen Freund gesagt. Am 6. März habe ihm ein anderer Kumpel berichtet: „Er trommelt Leute zusammen, um die Sache durchzuziehen.“ Abou-C. bekam nach seinen Angaben mehrere Anrufe von „Ibo“. Er sei wütend geworden, weil sie auch auf seinem persönlichen Handy eingingen. „Ich habe die Jungs, du gibst das Zeichen“, soll „Ibo“ verlangt haben. Mohammed Abou-C. sagte, ihm sei bange gewesen. Er habe „Ibo“ hinhalten wollen: „Hier passiert nichts mehr, hier ist nichts mehr zu holen.“

Es waren vier Jung-Räuber, die mit Gebrüll in die Pokerrunde stürmten und mit 242 000 Euro flohen. Vor einer Jugendstrafkammer gestanden die damals 19- bis 21-Jährigen ihre Beteiligung und erhielten Haftstrafen von bis zu drei Jahren und neun Monaten. Viele Fragen aber blieben offen. Auch die nach dem Verbleib der Beute. Die Anklage geht davon aus, dass Mohammed Abou-C. die Idee zu dem Coup hatte und per Handy aus dem Hotel das Signal zum Losschlagen gab. Ibrahim El-M. soll die Hitzköpfe angeheuert und das Fluchtauto gefahren haben.

Am 51. Prozesstag beteuerte Mohammed Abou-C.: „Ich sitze unschuldig in Haft.“ Er sei schockiert gewesen, als er die Maskierten im Hyatt sah. Mit den vier Jung-Räubern habe er nichts zu tun. Ihm sei auch nichts über die Beute bekannt. El-M. aber sei nach dem Überfall mit einem Lachen im Gesicht in ihr Stammlokal gekommen, habe sich gefreut: „Hat doch alles geklappt, dir passiert nichts.“ Seit seiner Festnahme warte er darauf, dass El-M. „die Wahrheit auf den Tisch legt“.

Die Überraschung war Mohammed Abou-C. gelungen. Auch seine Familie sei erst gegen die Aussage gewesen. „Aber das ist doch kein Anscheißen, ich will nur Gerechtigkeit.“ Ibrahim El-M. aber griff ihn bereits an: „Du musst die Wahrheit erzählen“. Ob auch der zweite Angeklagte angesichts der Wende im Prozess zu einer Aussage bereit sein wird, ist noch offen. Heute geht der Prozess weiter.

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