Anklage : Tempodrom-Chefs bezahlten sich zu gut

Nach fast vier Jahren endet die Tempodrom-Affäre für die Gründerin auf der Anklagebank: Ab 23. November müssen sich Irene Moessinger und ihr Geschäftspartner wegen Untreue vor dem Landgericht verantworten.

Katja Füchsel
171635_0_5c1f2c5c
Das Ende einer Affäre. Der früheren Tempodrom-Chefin Irene Moessinger wird in knapp drei Wochen der Prozess gemacht. -Foto: Mike Wolff

Mitte November beginnt der Prozess gegen die frühere Tempodrom-Chefin Irene Moessinger und ihren Geschäftspartner Norbert Waehl im Moabiter Kriminalgericht. Die Staatsanwaltschaft wirft den Gründern des finanziell aus der Kontrolle geratenen Kulturbaus am Anhalter Bahnhof Untreue vor. „Der Anklagepunkt Subventionsbetrug wurde vorläufig eingestellt“, sagt Gerichtssprecherin Iris Berger. Ferner habe die Strafkammer in ihren Eröffnungsbeschluss entschieden, den Vorwurf der schweren Untreue fallen zu lassen.

Aber auch mit reduziertem Programm wird sich das Gericht noch durch einige Meter Akten arbeiten müssen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sollen Moessinger und Waehl der Tempodromführung – also sich selbst – „unangemessene“, nämlich zu hohe „Vergütungen“ bezahlt haben. Ferner geht es nach Bergers Angaben um Kostenrechnungen, die nicht von ihrem Unternehmen, sondern von den Betreibergesellschaften hätten beglichen werden müssen. Irene Moessinger war gestern nicht zu erreichen. In der Vergangenen hatten sie und Waehl die Vorwürfe stets zurückgewiesen, eine Stellungnahme mit Hinweis auf das laufende Verfahren aber abgelehnt.

Ausgelöst hatte die Affäre der 2001 fertig gestellte Tempodrom-Neubau am Anhalter Bahnhof, der mit rund 33 Millionen Euro doppelt so viel kostete wie ursprünglich geplant – zu Lasten der Steuerzahler. Wegen der politischen Verwicklungen um das weitgehend mit öffentlichen Geldern gebaute Haus befasste sich ein Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses noch bis März 2006 damit. Fazit des rund 1000 Seiten starken Berichts: Die Schuld an der Affäre um den finanziell außer Kontrolle geratenen Kulturbau tragen Bauherren, Banker sowie Verantwortliche quer durch die politischen Lager.

Der Skandal beendete dann auch die Ära Moessinger. Rund 25 Jahre nach Gründung des Tempodroms musste sich die Initiatorin des Kulturprojekts im Sommer 2005 aus dem Geschäft zurückziehen. Die gelernte Krankenschwester hatte in den 80er Jahren mit einer Millionenerbschaft das Kulturprojekt in einem Zirkuszelt im Tiergarten gegründet. Konzertreihen wie die „Heimatklänge“ wurden in West-Berlin zu einer Institution. Zum finanziellen Problemfall geriet das Tempodrom erst, als das bunte Zelt dem neuen Kanzleramt weichen musste und am Anhalter Bahnhof der Grundstein für ein festes Veranstaltungshaus gelegt wurde.

Die Affäre hat nicht nur Moessinger den Job gekostet: 2004 hatte die Staatsanwaltschaft bereits dem früheren Senator und SPD-Chef Peter Strieder sowie Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) Untreue vorgeworfen. Die Richter lehnten die Anklage aber ab, da durch die Tempodrom-Förderung dem Land kein Schaden entstanden sei. Strieder gab dennoch seine Ämter und Mandate auf, denn die politische Mitverantwortung für das Bauprojekt konnte er nicht leugnen. Er arbeitet seitdem als Unternehmensberater.

Für die Tempodrom-Besucher ist heute von dem Desaster nichts mehr zu spüren. Ein Rechtsanwalt verwaltet das Gebäude, nachdem die alten Betreiber 2005 wegen Zahlungsunfähigkeit Insolvenz anmelden mussten. Einen Investor, der das ganze Gebäude übernimmt, hat der Insolvenzverwalter noch nicht gefunden. Die Firma Treugast organisiert dort ungeachtet der Besitzerfrage weiterhin Kulturveranstaltungen. Von der eines Tages erzielten Summe hängt ab, wie viel Geld das Land Berlin draufzahlt, das den Bau mit einer Bürgschaft in Höhe von zwölf Millionen Euro abgesichert hatte.

Um Irene Moessinger ist es seitdem still geworden. An ihrem letzten Arbeitstag im Tempodrom hatte sie ihre Pläne präsentiert: Sie wolle nun zunächst Berlin den Rücken kehren, in ein Kloster gehen, ein Buch schreiben und – wie sie leicht ironisch hinzusetzte – zukünftig „Frauen in scheinbar auswegslosen Situationen“ beraten.

Der Prozess gegen Moessinger und Waehl beginnt am 23. November.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben