Auto in der Spree : Alle Sperren am Bundestag durchbrochen

Ein Auto rast frühmorgens neben dem Paul-Löbe-Haus in die Spree – und keiner bemerkt es. Und das in einer Gegend, die zu den am besten bewachten Berlins gehört.

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Der BMW präsentiert sich in wässrigem, verbeulten Glanz.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Maris Hubschmid
21.08.2010 18:29Der BMW präsentiert sich in wässrigem, verbeulten Glanz.

Das Regierungsviertel gehört angeblich zu den am besten bewachten Gegenden Berlins. Doch dass ein Auto zu nachtschlafender Zeit mit hoher Geschwindigkeit über Absperrungen und Zäune raste, durch die Luft flog und schließlich in die Spree stürzte, hat offenbar niemand bemerkt. Der Vorfall muss sich am frühen Sonnabendmorgen zugetragen haben. Jedenfalls stellten Beamte der Bundestagspolizei gegen 6 Uhr fest, dass eine umklappbare Absperrung verschwunden war. „Die Beamten folgten den Spuren in Richtung Spreeufer und sahen, dass ein vor der Promenade aufgestellter Zaun ebenfalls durchbrochen war“, sagte ein Polizeisprecher. Weil am Ufer diverse Spuren in Richtung Wasser führten, alarmierten die Beamten die Feuerwehr.

„Der Ruf ging um 6.03 Uhr bei uns ein“, bestätigt ein Feuerwehrsprecher: „Wir mussten damit rechnen, dass noch Menschen im Auto sind und haben sofort unsere Taucher losgeschickt. Das Fahrzeug war leer, wir wussten aber nicht, ob die Insassen sich zuvor retten konnten.“

Dies sollte sich zum Glück bald herausstellen, denn die inzwischen alarmierte Landespolizei stellte das Kennzeichen des 3er BMWs fest, ermittelte den Halter und erhielt von Kollegen eines Polizeiabschnitts prompt die Mitteilung, dass dieser genau zur selben Zeit bei ihnen den Diebstahl seines Wagens anzeigte.

In der folgenden Befragung gab der 20-jährige Fahrzeughalter aus dem Landkreis Teltow-Fläming zu, dass er zusammen mit seiner 17-jährigen Begleiterin die Sackgasse am Paul-Löbe-Haus entlanggerast war und die Kontrolle über den Wagen verloren hatte. Das Auto sei über die Absperrung gefahren, habe den Zaun beschädigt, sei etwa zehn, elf Meter in Richtung Promenade geflogen und noch am Ufer aufgeschlagen, bevor es in die Spree stürzte. Fahrer und Beifahrerin retteten sich aus dem Auto und schwammen zum Ufer. Den eigenen Aussagen zufolge ging das Pärchen dann in ein Hotel an der Friedrichstraße, in dem es ein Zimmer gemietet hatte, und zog sich trockene Sachen an.

Die Version der jungen Leute wird dadurch gestützt, dass die Polizisten die nassen Bekleidungsstücke auf dem Balkon des Hotelzimmers fanden. Außerdem erlitten die beiden leichtere Verletzungen in Form von Prellungen – nach Ansicht von Polizei und Feuerwehr hatten sie unglaubliches Glück, dass sie überlebten.

Am Unfallort sagte Jens-Peter Wilken, Sprecher der Berliner Feuerwehr: „Der Wagen muss ein Tempo von mindestens 100 Stundenkilometern gehabt haben." Eine Atemalkoholmessung auf dem Polizeiabschnitt ergab bei dem BMW-Fahrer einen Wert von 0,8 Promille. Im Auto wurden geringe Mengen einer Substanz gefunden, die Rauschgift enthalten könnte.

Der BMW wurde durch die Feuerwehr geborgen und sichergestellt. Während der Bergungsarbeiten war die Spree am Sonnabend für den Schiffsverkehr von 6.30 Uhr bis 11 Uhr gesperrt. Zum genauen Unfallhergang und der stark überhöhten Geschwindigkeit wollte sich der Fahrer nicht äußern, auch zum Zeitpunkt des Vorfalls machte er keine Angabe. Die Feuerwehr geht davon aus, dass der Wagen schon eine Weile im Wasser gelegen haben muss, weil er schon weit abgetrieben war. Die Wasserschutzpolizei meint, dass dies wegen der starken Strömung auch schnell gegangen sein kann. Die Ermittlungen dauern an.

Offen und für viele unverständlich bleibt, warum niemand den Crash bemerkte oder den damit verbundenen Lärm hörte. Zumal im Regierungsviertel mehrere Polizeidienste aktiv sind: die Berliner Landespolizei, Zivilfahnder der Staatsschutzabteilung vom Landeskriminalamt, Bundespolizei, Sicherungsgruppe der Staatsschutzabteilung des Bundeskriminalamtes und Angehörige der Bundestagspolizei, die speziell für den Reichstag und das Paul-Löbe-Haus zuständig sind. Letztere hatten auf einer Routine-Streife die zerstörten Absperrungen bemerkt, aber nichts von dem Vorgang.

Die Berliner Bundestagsabgeordnete Stefanie Vogelsang (CDU) findet das zumindest merkwürdig: „Die Polizisten im Paul-Löbe-Haus sind 24 Stunden um die Uhr da. Die müssten doch etwas gehört haben“, sagt sie. Andererseits sei noch Parlamentspause, und „wenn man da mit viel Aufwand ein leeres Haus bewacht, beschwert sich der Bund der Steuerzahler“.

Im September 2000 hatten mehrere Zwischenfälle am Reichstag dazu geführt, dass zwei Auffahrten zum Osttor mit zwei je 1,9 Tonnen schweren Steinen versperrt wurden. Erst hatte ein 22-Jähriger versucht, die Glasfront am Osttor mit einem Ford Fiesta, in dem er Benzin ausgeschüttet hatte, zu durchbrechen. Er wollte das Auto in Brand setzen, konnte aber überwältigt werden. Kurz darauf war ein gehbehinderter Mann mit seinem Auto die Rampe am Osttor des Reichstags hinaufgefahren und verlangte, mit dem Bundestagspräsidenten zu sprechen.

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