Autoritätsverlust : Der Polizist, dein Feind und Prügelknabe

Am Montag verbündeten sich 60 junge Männer, um rund 30 Polizeibeamte zu bedrängen. Kein Einzelfall: Beamte werden immer häufiger angegriffen und beklagen Autoritätsverlust und fehlenden Respekt. Kriminologe Pfeiffer sieht ein "berlintypisches Phänomen".

Tanja Buntrock

Und das im bürgerlichen Mariendorf, am Stadtrand, wo Einfamilienhäuser mit akkurat gestutzten Vorgärten dominieren. Nicht gerade das Epizentrum sozialbedingter Gewalttaten. Am Montag aber verbündeten sich dort 60 junge Männer, zumeist Migranten, um rund 30 Polizeibeamte zu bedrängen. Solche „Zusammenrottungen von Massen“ verbindet man eigentlich mit Problembezirken wie dem Soldiner Kiez in Wedding oder mit Teilen Nord-Neuköllns.

„Nein. Mittlerweile müssen Polizeibeamte überall damit rechnen, angegriffen zu werden“, sind sich die Vertreter der Polizeigewerkschaften einig. „Der Respekt vor Uniformierten, egal ob Polizisten oder Busfahrer, ist verloren gegangen“, konstatiert Bodo Pfalzgraf von der Deutschen Polizeigewerkschaft. Zwar gebe es Bezirke, wo die Beamten eher darauf gefasst sein müssten, einer Horde Widerständiger gegenüber zu stehen. Doch dies sei kein alleiniges Problem bestimmter Stadtteile. So wurde im Januar 2007 in Lichtenrade ein Hauptkommissar von mehreren jugendlichen Migranten mit einer Eisenstange krankenhausreif geprügelt – weil er auf einer Schulparty einen Streit schlichten wollte.

Am Mariendorfer Damm finden sich Bistros und Sportwettenläden, betrieben von arabischen und türkischen Inhabern. Gegen 22.15 Uhr stehen acht Polizisten nach Dienstende und somit in Zivil an der Kreuzung Ecke Strelitzstraße, um auf ein Taxi zu warten. Eine Gruppe von etwa 15 Jugendlichen – Türken und Araber – kommt vorbei. Eine Café-Besitzerin erzählt später, es habe zuvor einen Stromausfall gegeben. Andere Anwohner aus der Gegend munkeln, die Jugendlichen hätten deshalb versucht, in einen Netto-Markt einzubrechen. Doch fest steht nur: Die Halbstarken fangen an, die wartenden Männer anzupöbeln. Dass es Polizisten sind, wissen sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Einer aus der Gruppe schlägt einem 36-Jährigen ins Gesicht. Blut fließt. Nun rücken uniformierte Beamte an. Zwei junge Männer – 18 und 19 Jahre – , die „als Haupttäter gelten“, werden in der Eisenacher Straße festgenommen. Binnen weniger Minuten solidarisieren sich rund 60 Leute, ebenfalls Migranten, sie sammeln sich auf der Fahrbahn, bedrängen die Uniformierten und versuchen, die Gefangenen zu befreien. Weitere Anwohner werfen kleine Gegenstände von den Balkonen. Die Polizei bekommt die Lage erst in den Griff, als sie sich mit Pfefferspray gegen die Massen wehrt.

Polizeibeamte berichten laut der Gewerkschaft regelmäßig, dass sie häufiger „aggressiver und rücksichtsloser Gewalt“ ausgesetzt seien. Statistisch werden jeden Tag neun Beamte angegriffen. Die Zahl der verletzten Polizisten in Berlin ist im vorigen Jahr um 59 auf 924 gestiegen. Auch hat es im Jahr 2008 mit 3371 Widerstandshandlungen rund 1000 mehr als im Jahr davor gegeben. Der Autoritätsverlust sei „besorgniserregend hoch“, resümiert Pfalzgraf. Per Massen-SMS würden in Minutenschnelle Leute zusammengefunkt, um sich zu solidarisieren. Dabei dominieren zwei Gruppen in der Gesellschaft: Migranten und Linksautonome. Erst kürzlich waren Polizisten in der Rigaer Straße in Friedrichshain von 30 Autonomen umzingelt worden, weil die Beamten einen Mann gestellt hatten, der illegal Plakate geklebt hatte. Was die Migranten angeht, so beschreibt Dieter Großhans von der Gewerkschaft der Polizei die Ursache so: „Der Zusammenhalt in diesen ethnischen Gruppen ist einfach ausgeprägter.“

Doch woher kommt diese Stimmung gegen die Polizei, die immer häufigere Gewalt? „Das ist eindeutig ein berlintypisches Phänomen, in keiner anderen deutschen Stadt sind derartige Angriffe so ausgeprägt“, konstatiert der Kriminologe Christian Pfeiffer, vor allem bei militanten Linken und Migranten. Bislang sieht der Kriminologe eine mögliche Ursache für die Respektlosigkeit bei Migranten gegenüber Polizisten in den Nachwehen der Terroranschläge vom 11. September. „Viele der Migranten, zumeist Islamgläubige, fühlen sich einem großen Misstrauen in der Bevölkerung ausgesetzt“, sagt er. Die Folge: Sie igelten sich ein, fühlten sich ausgegrenzt. „Uniformierte stellen für sie den Staat dar und damit die Repräsentanten dieser Welt, in der man sie unfair behandelt und ihnen misstraut.“ Die Bereitschaft aus diesem Gefühl heraus, sich zu solidarisieren, sei innerhalb solcher ethnischen Subgruppen sehr groß. Um verwertbare Aussagen zu gewinnen, hat Pfeiffer die erste systematische Untersuchung zu Polizeigewalt in Deutschland initiiert: 200 000 Polizisten werden ab Mitte Oktober dazu online befragt. „Der plötzliche und massive Widerstand ist ein spezieller Aspekt in dieser Studie“, sagt Pfeiffer.

Das Problem könne nur gesellschaftlich gelöst werden. Doch wie? „Subkulturen müssen vermieden werden“, sagt Pfeiffer. Am besten, indem man die „Durchmischung“ – ob in Wohngebieten, Kindergärten oder Schulen – vorantreibe. Der Hass der linken Szene gegen Polizisten sei über Jahrzehnte hinweg gewachsen. Auch hier habe der Staat, in Berlin wie in Hamburg, „sehenden Auges Subkulturen in besetzen Häusern zugelassen“, argumentiert er. Uniformierte bildeten als Repräsentanten des Systems das Hass-Objekt.

In der Millionenmetropole Berlin sei die „Winner-Loser-Kultur“ im Gegensatz zu Kleinstädten nun mal extrem ausgeprägt, sagt Pfeiffer. Dem „Wir-gegen-die anderen“-Gefühl müsse seiner Ansicht nach entgegengewirkt werden. Ein Polizeibeamter drückt es etwas anders aus: Vor allem bei einer bestimmten Gruppe von Migranten – insbesondere arabischen Großfamilien – habe sich eine „Das-ist-unser-Kiez“-Einstellung verfestigt. Die Polizei habe dort nichts zu sagen. Probleme wolle diese Klientel ausschließlich „untereinander“ lösen. Das passt ein wenig zu dem, was in Mariendorf ein arabischer Passant zu den jüngsten Vorfällen sagt: Es seien arabische Landsleute bei den Tumulten gewesen – sie wollten „ihr Revier verteidigen“.Mitarbeit: Johannes Hub

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